Ein kurzer Kriegsrath ward jetzt auf dem Gipfel des Berges gehalten. — Die vor uns liegende Häusergruppe wurde einstimmig für die, von der Mission Dolores etwa 20 Meilen entfernte Mission San Raphael erklärt, und die Frage blieb nur noch: ob Corte Madeira wirklich in der eben verlassenen oder der noch über San Raphael hinaus befindlichen Bucht liege. Am wahrscheinlichsten schien uns das erste, doch konnten wir auf dieser Seite nicht ein einziges Haus erkennen, und da wir die Mission San Raphael doch zu besuchen wünschten, beschlossen wir zu unserem Kahn zurückzukehren und zuerst nach der Mission hinüber zu rudern.
Schon seit einiger Zeit hatten wir indessen einen der kleinen Prairiewölfe, die es hier überall in bedeutender Menge gibt, bellen und heulen hören, ihn jedoch weiter entfernt geglaubt; als ich aber jetzt den Hügel wieder herunterkam, nach unserem Boot zu gehen, sah ich einen der kleinen Burschen, wie er in etwa 150 Schritt von dem angebundenen Boote, diesem zugewendet stand, und aus Leibeskräften über den für ihn jedenfalls fremdartigen Gegenstand zu räsonniren schien. Er lief dabei, sich aber stets in gleicher Entfernung vom Ufer haltend, bald auf den nächsten kleinen Hügel hinauf, bald wieder hinunter und bezeugte jedenfalls eine ungewöhnliche Neugierde. Von Witzleben war indeß an der andern Seite des Hügels herumgekommen, und wir hatten ihn so gewissermaßen eingeklemmt auf der engen Landzunge. Wenn er nicht das Wasser annahm, mußte er einen von uns zum Schuß kommen; ich schnitt ihm, rasch nach Rechts hinunter, den Weg ab, und hierher wandte er sich auch, um zunächst wieder in die Büsche zu kommen. Das Terrain war ihm jedoch zu ungünstig, die Bai schnitt hier gerade nach mir zu ein, und als er, das Sumpfland zu umgehen, den Hügel schräg hinaufsprang, kam er mir auf etwa siebenzig Schritt zum Schuß. Beim Knall schon brach er zusammen, raffte sich dann rasch wieder auf und rannte, den rechten Vorderlauf schleifend, davon, stürzte auch noch mehreremale, und war augenscheinlich schwer getroffen, kleine Dickichte standen aber nicht weit davon entfernt, eines von diesen erreichte er und blieb dort, da wir uns nicht die Mühe nahmen, weiter nachzusehen, liegen.
Wir schifften uns jetzt wieder ein, umgingen das kleine Vorgebirge und ruderten nun die ziemlich lange Strecke bis zur Mündung des San Raphael Rivers (unter River ist hier nämlich nur der von Ebbe und Fluth abhängige, sonst aber allerdings flußartige Einlauf des Sumpflandes verstanden). Es war Sonntag, und von fern schon tönten uns die Glocken der Mission entgegen, die wir aber erst gegen ungefähr 12 Uhr erreichten. Eine Masse von großen Schnepfen und Enten waren im und am Fluß, wir konnten aber keine bekommen.
Die Mission San Raphael ist noch kleiner und unbedeutender als die von Dolores, wenigstens sind da lange nicht so viel Gebäude, und Kirche und Missionshaus sahen wo möglich noch elender und verfallener aus als die Doloreskirche. Das einzeln stehende Gebäude, das wir schon vom Berge aus bemerkt, stach desto mehr dagegen ab, denn es war jedenfalls das beste, wohnlichste und solideste Haus, was ich bis dahin noch in ganz Californien gesehen hatte. Es wird von einem Mr. Murphy, einem alten Ansiedler an der Bai, bewohnt, der hier ebenfalls eine Farm und bedeutende Strecken Landes besitzt; er hält auch, durch einen californischen Steward, eine Art Gasthaus, in dem Fremde wenigstens Nahrungsmittel und Obdach bekommen können, und wir benutzten dies, unsere etwas ausgehungerten Mägen wieder zu restauriren.
Der alte Murphy ist ein geborner Irländer, zwanzig Jahr schon in Californien und eine wahre Riesengestalt, so hoch und derb und kräftig gebaut. Er wollte eben sein Land ausverkaufen und sich nach der weiter obenliegenden San Pedro Spitze, wo er eine Stadt anzulegen gedenkt, zurückziehen.
Wir hörten hier daß die Bai, in der wir die Nacht campirt, allerdings die von Corte Madeira und bei Land nur etwa drei Meilen von da entfernt sei, verzehrten also zuerst unser Mittagessen, hingen dann die Büchsen über die Schulter, und stiegen langsam den Bergrücken hinauf, der die Thäler Corte Madeira und San Raphael von einander trennt. Der Hügel war ziemlich steil, doch entschädigte uns dafür die Aussicht vom Gipfel desselben, und wir konnten von hier aus deutlich die kleine Häusergruppe Corte Madeira’s sehen, die uns am vorigen Abend durch Hügel und Büsche verdeckt gewesen. Allerdings hatten wir die Büchsen mit, ich erwartete aber hier kaum Wild zu finden, und war nicht wenig erstaunt, als v. Witzleben plötzlich den Hügel hinabzeigte und „ein Hirsch“ rief. Und in der That war es ein junger „Bock,“ der hier mit der Rikke gestanden und jetzt, bei unserem Näherkommen in langen Sätzen den Hügel hinunter floh. Ich suchte ihm zuvor zu kommen, doch umsonst. Das Wild ist hier durch das viele Jagen der neu eingetroffenen Amerikaner zu scheu gemacht, und aus den besiedelten Stellen in die stilleren Thäler zurückgescheucht; die wenigen aber, die noch ihren alten Weidegründen treu geblieben, sind sich der Gefahr, in der sie fortwährend schweben, nur zu gut bewußt, und fortwährend bei dem geringsten Geräusch, bei der geringsten fremden Witterung, auf der Flucht.
Ohne weiter etwas Merkwürdigem zu begegnen, stiegen wir in das Thal hinunter, einen andern kleineren Bergrücken wieder hinauf und hatten nun auf der andern Seite des Thales „Corte Madeira“ (Holzschneide oder Sägemühle) dicht vor uns. Der Ort lag in seiner bescheidenen Zurückgezogenheit, von den dunklen Bäumen hoch überragt, und aus dem Grün der Gebüsche gar traulich vorschauend, freundlich genug da; eine ziemlich bedeutende Fläche cultivirten Landes (die sogenannte „Farm des Capitän Coover,“) gab dem Ort zu gleicher Zeit einen Anstrich von Civilisation und die Aussicht auf die grünen Flächen und Hügelhänge, auf denen zahlreiche Heerden weideten, und zwischen dem Laub der Büsche hindurch nach der Bai hinüber, über die von der andern Seite her ein einzelnes Segel glitt, schmückte ihn dabei mit einem ganz eigenen freundlichen Zauber.
Vor allen Dingen galt es jedoch jetzt dem nachzukommen, wegen dem wir hierher gefahren, und zwar nach hundert achtzehngallönigen Fässern zu fragen, die hier in dem Hause eines gewissen Mr. Cordua lagern und von uns besichtigt werden sollten.
Das Resultat was wir hier erhielten, war ein sehr mittelmäßiges — die Ersten, die wir deshalb befrugen, schienen uns nicht recht Rede stehen zu wollen. Ein Mr. Cordua hatte allerdings dort gewohnt, und zwar in einem Häuschen, etwas weiter nach der Bai zu, seit zwei Jahren aber schon Corte Madeira verlassen, und Fässer — lägen auch nicht mehr in dem alten Haus — ein halbes Dutzend vielleicht ausgenommen. Mr. Rendall oder Randell, der jetzige Pächter von Capitain Coopers Farm, sollte uns die nächste Auskunft geben. Zu diesem gingen wir also — er wohnte in demselben Hause, bestätigte uns aber nur als Thatsache, was wir bis dahin blos oberflächlich gehört. Mr. Cordua sollte Corte Madeira seit zwei Jahren verlassen und sich um seine zurückgebliebenen Fässer gar nicht weiter bekümmert haben. Seit der Zeit waren aber große Veränderungen in ganz Californien, und auch in diesem etwas abgelegenen Theile desselben vorgefallen, unter anderem besonders aber eine Masse fremder Einwanderer gelandet. Von diesen besuchten manche auch die Bai von Corte Madeira, und Einzelne hielten sich des Jagens wegen länger dort auf. Was konnte ihnen da bequemer kommen als das dicht an der Bai befindliche alte unbewohnte Gebäude des Mr. Cordua. Die darin lagernden Fässer kamen ihnen ebenso erwünscht; ein Theil davon wurde zu Stühlen, ein anderer zu nach und nach absterbenden Tischbeinen verwandt, und der übrige Rest als trockenes Holz zu Brennmaterial. So ein Faß war bald zusammengeschlagen, und die um das Haus herumliegenden eisernen Reife sollten die Wahrheit des Gesagten bestätigen.
Zu zweifeln brauchten wir an dem uns eben Mitgetheilten nicht — darin, daß keine Fässer mehr da sein sollten, stimmten alle überein; die Verwendung derselben mochten wir aber nicht allein den „fremden Jägern“ zuschreiben, denn gerade in des guten Mannes Hause, der uns all diesen Aufschluß gab, sahen wir nahe an ein Dutzend der nämlichen Fässer, zu sehr verschiedenen Zwecken verwendet, stehen, und konnten jetzt wohl denken, daß die ganze Nachbarschaft aus einem solchen, für jeden Hausstand bequemen Waarenvorrath den größtmöglichsten Nutzen gezogen hatte. Mr. Rendall meinte dabei die Fässer seien ihm übrigens gar nicht übergeben gewesen, und er habe also auch nicht für fremdes Gut stehen können: übrigens brauchten wir gar nicht nach dem Hause hinunterzugehen, denn es sei alles so wie er uns gesagt habe.