Herr Rendall war Alcalde von Corte Madeira und San Raphael; wir wollten uns aber doch lieber selber überzeugen, und wanderten deshalb, da die Sonne noch hoch genug stand, an dem kleinen Fluß, der sich in die Bai ergießt, hinunter, kamen an der neu eingerichteten Dampfsägemühle vorbei, die dem ganzen schönen Thal seinen sicherlich unpoetischen Namen gegeben, und erreichten bald darauf das bezeichnete Haus, wo wir die Aussagen des Alcalden allerdings bestätigt fanden.
Der Ort sah wild genug aus: eiserne Faßreifen lagen in ziemlichen Quantitäten auf den Dächern und dem Boden herum, und im Inneren des Hauses war alles oberst zu unterst gekehrt. Zwei lebensmüde Tische, die noch unschlüssig schienen nach welcher Seite hin sie zuerst umbrechen wollten, die Ueberreste eines wirklichen Stuhles, einzelne Fässer, die theils zum Sitzen, theils zu Speiseschränken benutzt worden, die Hälfte eines alten blauen Rocks mit einem einzigen messingenen Knopf, eine total durchgesessene Hose, einige paar Sockenschäfte, und ein isolirter Stiefel, der auf einem Bein in der Ecke stand, füllten den inneren Raum des einen Gemachs, während ein frischgemaltes tüchtiges Seeboot, mit den Rudern darüber auf den Querbalken gestützt und wohlverwahrt, den anderen einnahm. Bewohnt war das Haus auf keinen Fall, die Asche im Kamin bewies aber, daß dann und wann dort gerade von der Nacht überraschte Jäger oder Bootsleute, welche die Bai hereingekommen waren, übernachtet hatten.
Gute oder wenigstens noch brauchbare Fässer — denn von Wind und Wetter mitgenommen sahen sie alle aus — standen in und vor dem Gebäude, nur noch 19 Stück statt der versprochenen hundert, und derenthalben war es allerdings nicht der Mühe werth, den weiten Weg mit dem Boote von Mission Dolores herzukommen, unser Weg war also umsonst gewesen, und wir konnten uns, so schnell es uns gefiel, wieder auf den Rückweg machen.
Für diesen Abend war das freilich etwas zu spät, langsam schlenderten wir deßhalb wieder über die Berge nach San Raphael, sahen noch unterwegs einen Hirsch und mehrere Hasen — ohne jedoch im Stande zu sein in dem dichten Gebüsch etwas zu erlegen, und legten uns, nach bei Murphy eingenommenem Abendessen ruhig in unser Boot, um schon in der Nacht mit steigender Fluth von dem Schlamm, auf dem uns die Ebbe zurückgelassen, loszukommen. Um 10 Uhr Abends bekamen wir aber nur halbe Fluth, kamen nicht los, und mußten nun die nächste, gegen 11 Uhr am anderen Morgen abwarten.
Der Morgen und die Fluth kamen, mit ihm aber auch ein ungewöhnlich starker Südwester, der mit der steigenden Sonne ebenfalls zu wachsen schien. Zwischen den Hügeln spürten wir ihn aber nicht so stark, brieten vor allen Dingen zum Frühstück unsere Enten und ruderten dann langsam den ziemlich breiten Einfluß hinunter. Enten und Schnepfen gab es in Masse, sie waren aber entsetzlich scheu und nur im über uns Wegfliegen waren wir im Stande zwei der großen Sumpfschnepfen (wie ein junges Huhn groß) zu schießen.
Die See brauste indessen; über das flache Land hin konnten wir schon von weitem den weißen Schaum der aufthürmenden Wogen erkennen, und gegen das Ufer spritzte die Brandung in jähen Schlagwellen empor. Die Ebbe hatten wir dabei allerdings zu unserem Gunsten, der stürmische Südwest war uns aber total entgegen und hob den Vortheil also mehr als auf. Gegen Wind und Wellen mußten wir an, und gegen Wind und Wellen legten wir uns aus Leibeskräften in die Ruder, so daß sich das elastische Holz bei jedem Schlage bog und den widerspenstigen Kahn immer gegen neu heranstürzende Wassermassen antrieb. Nicht möglich war es dabei dicht unter Land zu halten, da der weite flache Sumpf, der sich nach dem Lande hin wohl über zwei Meilen ausbreitete, das Boot zwang gerade in See zu halten, den zähen Schlamm seiner Ufer zu vermeiden. Nur langsamen Fortgang machten wir auf diese Art; dabei wurde, je weiter wir hinauskamen, das Wasser desto stürmischer, das Wogenheer drohender und gefährlicher, und der ein paarmal über Bord schlagende Kamm einzelner Wellen machte uns auch darauf aufmerksam daß wir füllen und dann, nur zu zweien, keine Hand würden entbehren können das eingenommene Wasser wieder auszuschöpfen. So langsam rückten wir zu gleicher Zeit vor, daß noch Stunden vergehen mußten, ehe wir im Stande gewesen wären das andere Ufer zu erreichen. Füllten wir, so war in dem weichen Schlamm nicht einmal Rettung möglich — und hätten unsere ununterbrochen in Anspruch genommenen Kräfte auch so lang ausgehalten?
Ein paar rasch gewechselte Worte, denn zu langen Berathschlagungen blieb keine Zeit, waren genügend unser weiteres Verhalten zu bestimmen — der Bug des Fahrzeugs flog, von einer Woge gerade gehoben, rasch herum, und vor Wind und Wellen suchten wir jetzt, mit wirklich äußerster Anstrengung, den vor kaum einer halben Stunde verlassenen und gegen die Wogen wenigstens geschützten Hafen zu erreichen. Aber selbst zurück zeigte sich die Fahrt schwieriger als wir gedacht; ohne Steuerruder lag das Gewicht der Wellen zu sehr auf der Außenseite, als daß wir ihm immer hätten so schnell als nothwendig begegnen können, und während wir zwar rasch vorwärts glitten, trieb das Boot auch zu gleicher Zeit dem schlammigen Ufer näher. Berührte nur der Kiel den Grund, daß die Wogen beim Anprallen den geringsten Widerstand fanden, so schlugen sie über uns hin, und unsere Lage wäre dann allerdings eine fatale gewesen; der zähe Schlamm hätte uns selbst am Schwimmen verhindert. So weit sollte es aber nicht kommen, dicht am Schlammufer hin glitt unser wackeres Fahrzeug, die äußerste Spitze des gefährlichen Ufers war erreicht, und im nächsten Augenblick befanden wir uns in ruhigem sicherem Wasser.
Rechts einbiegend, wo der kleine Fluß eine Biegung gegen die Hügel macht, glitten wir in eine kleine geschützte Bucht, befestigten dort unseren Kahn und erreichten dann, da von hier aus eine schmale Kiesbank bis fast zum Fluß führte, auf dieser die nächsten Hügel, an denen hin wir zur, am letzten Abend erst verlassenen Mission wieder zurückgelangen konnten.
An diesem Tag war an einen zweiten Aufbruch nicht zu denken, denn jedenfalls mußten wir, da der Sturm auch nicht eine Viertelstunde nachließ, die Fluth des nächsten Morgens abwarten. Um unsere Zeit deshalb nur in etwas zu benutzen, besuchten wir das Missionsgebäude.
Lieber Gott, ich hatte geglaubt die Mission Dolores stehe schon, was Kirche und Privatwohnungen anbetraf, unter den niedrigsten Erwartungen, fand aber jetzt daß sie im Vergleich mit der von San Raphael, ein wahres Prachtgebäude sei.