In Art der Anlage haben beide Aehnlichkeit mit einander; die Jesuiten sind mit ihren californischen Missionen wohl ziemlich nach einem gemeinsamen Plane verfahren, Zeit und Wetter den aus ungebrannten Lehmsteinen errichteten Gebäuden aber keineswegs günstig gewesen. Es regnete gerade was vom Himmel herunter wollte, als wir in die zwar geräumige, aber öde Kirche traten. Kirche? — und warum nicht? — Die Leute, die diesen allerdings etwas wüst aussehenden Platz aus freiem Antrieb aufsuchten, hier ihre Andacht zu verrichten, konnten das gewiß dort ebenso gut als wenn das Haus von prächtigem Marmor ausgeführt und von Säulen getragen worden. Die so oft gepredigte und so selten befolgte ächt christliche Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit wäre auch hier vollkommen gut repräsentirt gewesen, nur störte die Masse bunten Nürnberger Flitterwerks, das wahrscheinlich gute Christen um den Altar herum aufgehäuft hatten, den wenigstens auf mich hervorgebrachten guten Eindruck, und contrastirte eigenthümlich genug mit den kahlen Lehmwänden und dem durch das zerrissene Dach in Traufen niederströmenden Regen.

Die Priesterwohnung stand in vollkommenen Verhältniß mit der Kirche; der Geistliche, ein geborner Franzose, hatte einen kranken Fuß und saß, diesen pflegend, in der hohen kahlen, kalten und feuchten Stube. Ein allem Anschein nach sehr hartes Bett, noch dazu nur dürftig mit Decken versehen, ein paar Stühle, ein wackliger Tisch, ein kleiner Bücherschrank und mehrere augenscheinlich europäische Koffer bildeten sein ganzes Hausgeräth. Die Stube schmückten noch außerdem einige Heiligenbilder — Gott verzeih es dem Maler der die Gesichter von sicherlich ganz braven Leuten auf so scheußliche Art entstellt hatte — und ein Bündel Rosenkränze — wahrscheinlich zu Geschenken bestimmt. Die Bibliothek, in der ich mich nach alten, auf die Mission bezüglichen Werken vergebens umsah, enthielt nur einige spanische Gebetbücher und mehrere Predigten in Manuscript — keinesfalls etwas erhebliches.

Indianer sahen wir nur wenige in der Mission; das Missionswerk scheint überhaupt für Californien vorbei zu sein. Man wird allerdings die wenigen armen eingebornen Teufel, die nach der gewaltsamen Entwicklung dieses wunderbaren Landes noch übrig bleiben, zu der äußeren Bekennung der christlichen Religion bringen, dabei wird es aber auch bleiben, und sich um ihr wirkliches Christenthum Niemand besonders kümmern.

In San Raphael beabsichtigte man ebenfalls eine Stadt anzulegen — wie überhaupt an sämmtlichen nur halbweg günstig gelegenen Plätzen der Bai — und Bauplätze wurden zu 30 Dollars ausgeboten.

Die Nacht schliefen wir, um dem starken, von heftigem Wind begleiteten Regen zu entgehen, in Mr. Murphy’s Haus. Gegen Morgen legte sich der Sturm, und um 11 Uhr als sich das schlimmste Wetter gelegt und die See etwas beruhigt hatte, gingen wir aufs neue in See — dießmal aber, mehr vom Wind begünstigt als gestern, unter Segel. Allerdings mußten wir so dicht wir konnten, bei dem Wind halten und machten deshalb keinen sehr bedeutenden Fortgang, die Ebbe war uns aber ebenfalls günstig, und nur etwas zu weit in die Mitte der Bai hinausgetrieben, hielten wir scharf auf die obere Spitze von Los Angelos zu. Nach Mittag drehte sich der Wind wieder etwas, wir mußten das Segel einziehen und zu den Rudern greifen und erreichten etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang nach schwerer Arbeit Los Angelos.

Am westlichen Ufer der Insel hin hielten wir uns diesmal, noch immer von der abströmenden Fluth begünstigt, und lagen dort etwa eine halbe Stunde still, uns theils auszuruhen, theils die nächste Fluth abzuwarten, um mit dieser gegen San Francisco hinaufzuhalten. Der Abend rückte aber rasch heran, und der Himmel selber sah viel zu drohend aus, als daß wir viel Zeit hätten unnütz versäumen dürfen. Wir setzten deshalb das Segel wieder und hielten an der Insel Alcatraces vorüber, auf die Westspitze der Insel Yerba Buena zu, von wo aus wir hoffen durften, entweder die über der Stadt und nach Dolores zu liegende Baispitze oder doch wenigstens die Stadt selber zu gewinnen. Von da an konnten wir dann, von dem hoben Ufer geschützt und von der steigenden Fluth begünstigt, noch in derselben Nacht in den Baiausfluß der Mission Dolores einlaufen. Wind und Wetter machten uns jedoch einen bedeutenden Strich durch diese Rechnung.

Noch vor Yerba Buena kam uns der Wind wieder entgegen und wir mußten rudern, und als wir kaum das erste und äußerste der vor San Francisco vor Anker liegenden Schiffe erreicht hatten, und gerade als sich die Fluth drehte, brauste er wieder über die See herüber, und der weiße Kamm der heranbrechenden Wogen kündete uns eine Fortsetzung des gestern Begonnenen. Dabei wurde es dunkel. Sollten wir nach dem über zwei Meilen entfernten Lande in solch stürmischer See hinüber halten? Jedenfalls wäre es sehr gewagt gewesen, und da die Noth es nicht dringend erforderte, beschlossen wir da, wo wir uns gerade befanden liegen zu bleiben. Hinten am Spiegel der Barke hing nämlich ein ziemlich großes Lichterboot, eine sogenannte Scow. In dieser lagen einige Bretter — das Boot befestigten wir an die Scow, schoben uns die Bretter dachförmig zurecht, deckten unser Segel darüber — was wenigstens vollkommenen Schutz gegen den Regen gab — und machten uns dann bereit die Nacht hier zu verbringen.

Immer lauter heulte aber der Sturm, immer höher hoben sich die Wogen, und unser Boot drohte an der schweren Scow zu zerschellen. Mit in dem Lichter gefundenen Stricken und einem sandgefüllten Sack, den wir neben den zusammengedrehten Seilen über Bord hingen, sicherten wir in etwas unser Boot. Wie sich das Wetter aber verschlimmerte, wurde auch dessen Zustand bedenklicher, und zuletzt erreichte es einen solchen Grad, daß wir die Erhaltung unseres Fahrzeugs fast aufgaben, und wenigstens alles, was herausgenommen werden konnte, wie Ruder, Dollen d. h. w. in die Scow retteten. Provisionen hatten wir, außer etwas trockenem Schiffszwieback und den beiden, aber doch nicht roh zu verwendenden Schnepfen, keine, auch keinen Appetit etwas zu verzehren, und müde und kalt drückten wir uns, nachdem das Boot so gut verwahrt war wie es die Umstände nur gestatteten, unter unser extemporirtes Schutzdach, unter dem wir wie in einem Sarge lagen.

Ich habe schon manche schlechte Nacht in meinem Leben mit durchgemacht, so gefroren aber noch in keiner. An Schlafen war dabei gar nicht zu denken; die Wogen schlugen gegen die Scow an, hoben sie und schleuderten sie hin und wieder; der Regen klatschte auf das Segel nieder, der Sturm heulte und zum Ueberfluß hing noch ein anderer, aus Brettern roh gezimmerter Kahn an demselben Schiff mit uns, barst schon in der ersten Stunde durch die wiederholten Schläge, und donnerte nun seine Stücke die ganze Nacht hindurch gegen die Vorplanken der Scow an, auf denen wir gerade mit dem Kopfe lagen.

Schlaflos warfen wir uns auf den feuchten Planken herum, und der kalte Wind pfiff unter dem Segel durch, daß uns das Mark in den Knochen erstarrte. Die Vergangenheit trug ebenfalls nicht dazu bei, mir wenigstens meine Lage zu erleichtern — an demselben Abend hatte ich im vorigen Jahr die Meinen verlassen, und jetzt? — Hol der Teufel das Nachdenken, wenn der Geist sich an solche Punkte klammert, und nicht los davon zu reißen ist.