»Aber ich bin kein Baron mehr und – bin es nie gewesen.«

»Wenn das das größte Unglück wäre, was Sie betroffen hat, man könnt's ertragen. Aber wo wollen Sie hin, daß Sie kommen, um Abschied zu nehmen?«

»Nach Amerika, Salomon,« sagte Bruno entschlossen. »Ich bin jetzt arm, habe nichts mehr, und muß mir nun selber eine Existenz zu gründen suchen. Früher wäre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen zu können – jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort zurückzubringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen binden. So laßt mich noch einmal zu ihr hinaufgehen – es ist das letzte Mal –, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drücken, dann bin ich frei und – werde Euch nicht mehr lästig fallen.«

»Was das für a Red' ist,« sagte der alte Mann, »lästig fallen! Der Herr Baron – wollt' ich sagen: Herr Baumann – wissen recht gut, daß Sie uns nicht lästig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden ist zu – muß nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier zuschließen, und nun kommen Sie, Herr Baron – wollt ich sagen: Herr Baumann –, daß wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach Amerika – Gott soll's behüten, Amerika – und das viele salzige Wasser dazwischen – das wird eine Reise werden!«

Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprächig gesehen zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Füße, als er jetzt die Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Sätzen überflogen – fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort einzulösen, und doch die Bitte dann nicht über die Lippen brachte. Heute mußte er reden, hier half kein Zögern mehr, denn die Würfel waren gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrière gerissenen Menschen überhaupt anders übrig, als das Vaterland zu meiden und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen!

Jetzt waren sie oben. Salomon öffnete mit seinem kleinen Schlüssel die äußere Saalthür, schloß sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann aber lachte er und rief: »Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen – hier ist er!«

Drinnen in der Stube ertönte ein Freudenschrei, die Thür flog auf und Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme.

»So,« rief der alte Mann, »das wird ein ordentlicher Abschied, fangen gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht gedacht habe!«

Und jubelnd zog das junge, blühende Mädchen den Geliebten in die Stube hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, daß er so lange, so ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, daß er jetzt wiedergekehrt wäre und die Sorge von ihrer Seele genommen hätte. Bruno wollte sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Küssen erstickte sie das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja gerade durch dieses Zögern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glück, das er im Begriff war, von sich zu stoßen, nur wieder mit all' seinem unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten.

Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: »Sprecht Ihr mit ihr, Salomon – ich kann es ja nicht! Ihr wißt Alles – o, bitte, sagt ihr, was mich hergeführt!«