»Komm, Heßberger!« rief der Polizeidiener, sie am Arm ergreifend.

»Faßt mich nicht an!« schrie sie aber auf, indem sie sich wieder von ihm losriß. »Ich gehe schon von selber, mag den Spectakel auch gar nicht länger mit ansehen – pfui!« rief sie, vor dem Justizrath und Witte ausspuckend, und schritt dann mit raschen, zornigen Schritten aus der Thür.

Fräulein von Wendelsheim wartete noch einen Augenblick. Sie horchte nach außen zu, um wahrscheinlich erst die Schustersfrau aus dem Vorsaal zu lassen, ehe sie ihr selber dahin folgte. Wie draußen Alles ruhig war, sagte sie: »Dann werde ich mich jetzt entfernen und das Weitere ruhig abwarten.«

»Verziehen Sie noch einen Augenblick,« sagte der Justizrath, der indessen mit Witte heimlich geflüstert hatte. »Ihr Bruder scheint geisteskrank zu sein, nicht wahr?«

»Er hat wenigstens die letzten Tage viel phantasirt und ist völlig theilnahmlos; aber ich hoffe, daß sich das in der nächsten Zeit geben wird.«

»Dann werden Sie mir erlauben,« sagte der Justizrath, »Sie durch einen von unseren Beamten begleiten zu lassen, dem Sie auf Schloß Wendelsheim, bis die Untersuchung geschlossen ist und die Geschworenen ihren Entscheid abgegeben haben, sämmtliche Schlüssel überliefern, wie er auch die Verwaltung des Gutes bis zu der Zeit unter sich behält.«

»Herr Justizrath!« rief Fräulein von Wendelsheim emporfahrend.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte dieser kalt, »Sie selber stehen unter einer schweren Anklage, und ich wäre vielleicht berechtigt, Sie gar nicht wieder fortzulassen. In der Voraussetzung aber, daß Sie zu jeder, Ihnen bestimmten Zeit vor Gericht erscheinen, will ich davon absehen. Die Verwaltung des Schlosses dagegen wird, entweder bis der alte Baron wieder hergestellt oder der wirkliche Erbe unzweifelhaft festgestellt ist, der von mir mitgegebene Beamte übernehmen. Assessor Schuster wird das besorgen und Actuar Bessel mag ihn begleiten, um gemeinschaftlich Alles, die Wohnungsräume ausgenommen, unter Siegel zu legen.«

»Sie verlangen doch nicht, daß ich unter Polizeibedeckung nach Hause fahren soll?«

»Nein, die beiden Herren werden vor Ihnen her fahren und Sie mit Ihrem Kutscher ihnen folgen. Es versteht sich, daß indessen auf dem Schlosse Alles unverändert im Status quo bleibt, Niemand entlassen, Niemand Fremdes zugemiethet und nichts verkauft oder verborgt wird. Herr Staatsanwalt Witte, Sie thäten mir einen besondern Gefallen, wenn Sie, als Vertreter der Regierung, die Herren heute Abend begleiteten und der Ausführung selber beiwohnten.«