Fräulein von Wendelsheim war todtenblaß geworden; sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht. Es wurde hier auch Alles so geschäftsmäßig betrieben – was hätte es ihr geholfen! War es dabei das Bewußtsein ihrer Schuld, das sie mit niederdrückte? Sie wagte aber kein Wort der Widerrede, und nur die Lippen zusammengepreßt, daß sie weiß aussahen, wankte sie aus dem Zimmer und auf den Vorsaal hinaus.

»Wissen Sie, Justizrath, was das Merkwürdigste bei der Geschichte ist,« sagte Witte, der die letzten Minuten im Zimmer auf und ab gegangen war und sich vor innerlichem Vergnügen die Hände gerieben hatte, indem er vor dem Angeredeten stehen blieb – »daß ich eben jenen Schneider Müller und seine Mutter, von der die Heßberger vorhin sprach, gestern Abend zufällig aufgefunden habe, ohne Ahnung natürlich, daß sie dieser Angelegenheit so nahe standen.«

»Aber wie?«

»Rath Frühbach, der langweiligste Mensch seines Jahrhunderts, hat mich aus Verzweiflung in ein fremdes Haus hinaufgejagt – doch die Geschichte erzähle ich Ihnen ein andermal – kurz, der Müller arbeitet jetzt für mich.«

»Und wissen Sie bestimmt, daß es der rechte ist? Der Name Müller.«

»Gar kein Zweifel, und jetzt wollen wir der Sache schon auf den Grund kommen, verlassen Sie sich auf mich – aber nun bitte, eilen Sie auch unsere Abfahrt, denn dem gnädigen Fräulein wird sonst die Zeit zu lang.«

Der Justizrath war ein Mann von wenig Worten, aber ziemlich rasch im Handeln. In sehr kurzer Zeit war Alles geordnet, und hinter dem gemietheten Fiaker fuhr, sehr zum Erstaunen des herrschaftlichen Kutschers, die Carrosse des Fräuleins von Wendelsheim her, das sich, wie sie nur das Schloß erreichten, augenblicklich auf ihr Zimmer verfügte und sich dort einriegeln wollte. Die Erlaubniß wurde ihr aber nicht gleich. Vor allen Dingen versiegelte Assessor Schuster, der nichts halb that, sämmtliche Papiere der Gnädigen selber, so wüthend und aufgebracht sie sich darüber auch zeigte. Er hatte dazu allerdings keinen besondern Auftrag, that es aber auf Witte's Rath, weil sie nicht wissen konnten, wie sie vielleicht einmal später gebraucht werden und von Werth sein könnten. Dann mußte sie ihm sämmtliche Schlüssel übergeben. Silber und Wäsche, wie alles Derartige, so weit es nicht zum täglichen Bedarf diente, wurde versiegelt, über das Andere ein flüchtiges Inventar aufgenommen, und Nachts um zwölf Uhr erst verließ Witte das Schloß wieder, um nach Hause zurückzukehren.

Der alte Baron wurde gar nicht belästigt; er erfuhr auch nichts oder sah nichts von der Veränderung im Schlosse. Oben im Zimmer saß er an seinem Tisch, auf den ihm der Diener, als es dunkel wurde, die Lampe stellte; er hatte sich aus seiner Bibliothek ein paar Bücher genommen und beschäftigte sich jetzt damit, einzelne Seiten aus den Bänden zu reißen und die Blätter zu verschiedenen komischen Figuren mit einer Schere auszuschneiden. Er besaß darin wirklich eine Gewandtheit, und es war auch in der That das Einzige, was er in seinem ganzen Leben gelernt hatte.

7.
Nach allen Seiten.

Am nächsten Morgen war Witte in voller Thätigkeit; denn jetzt wußte er sich der Erreichung seines Zieles gewiß, und es galt nur noch, die verschiedenen Fäden fest in die Hand zu nehmen. Vor allen Dingen ging er zum Untersuchungsrichter, um diesem mitzutheilen, daß er für jene frühere Wartefrau völlige Straflosigkeit vom Justiz-Ministerium erbitten wolle, vorausgesetzt nämlich, daß sie Alles, was sie über die verwickelte Sache wußte, aufrichtig gestand. Er glaubte auch, er würde den Herrn noch im Bette finden und herausklopfen müssen; der war aber schon auf und fertig angezogen und kam ihm gleich mit den Worten entgegen: