»Wissen Sie das Neueste, Staatsanwalt? Eben bekomme ich die Meldung, daß sich die Heßberger diese Nacht in ihrem Gefängnisse erdrosselt hat – eine verfluchte Geschichte!«
»Bah,« sagte Witte, den die Todesnachricht ungemein ruhig ließ, »die kann jetzt abkommen, denn was wir brauchen, haben wir von ihr; ja, im Gegentheil bekommt das von ihr abgelegte Geständniß durch ihren freiwilligen Tod nur um so größeres Gewicht.«
»Und was führt Sie so früh zu mir?«
Witte theilte ihm seine Absicht mit, und der Justizrath erklärte ebenfalls, daß er keinen Augenblick zweifle, die Bitte werde zugestanden, noch dazu, da jene Person, während sie im Stande war ein wichtiges Zeugniß abzulegen, jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle bei dem Betrug gespielt hatte.
Noch während sie zusammen sprachen, kam ein reitender Bote von Schloß Wendelsheim mit einer Anfrage an den Justizrath. Fräulein von Wendelsheim bestand nämlich darauf, einen Besuch in der Stadt zu machen, und fragte an, ob der Justizrath ihr die Erlaubniß dazu geben wolle.
Der Justizrath schrieb einfach unter den Brief selber: »Fräulein von Wendelsheim hat Hausarrest!« und sandte den Boten wieder damit zum Schlosse.
Witte kehrte langsam nach Hause zurück; in der Sache war allerdings nichts zu thun, bis die Rückantwort vom Justiz-Ministerium eintraf; es schien aber dabei kaum möglich, daß die wirkliche Thatsache, von der schon so viele Leute unterrichtet waren, länger ein Geheimniß bleiben konnte. Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn dabei, wenn er an den bisherigen Baron, den Lieutenant von Wendelsheim, dachte, der, als eigentliche Hauptperson des Ganzen, noch wahrscheinlich keine Ahnung von dem über ihn hereinbrechenden Unheil hatte. Einmal faßte er wohl den Entschluß, ihn rufen zu lassen und ihm Alles mitzutheilen; aber wer von uns macht sich gern muthwillig zum Träger einer bösen oder schmerzlichen Nachricht? Und Witte besaß zu viel Zartgefühl, noch aus manchem andern Grunde, um eine solche Enthüllung freiwillig auf sich zu nehmen. Er that deshalb auch, was man gewöhnlich in einem solchen Fall thut: er verschob die Ausführung seines Vorhabens auf den Nachmittag oder vielleicht auf morgen früh, wie es sich gerade passen würde, denn zu versäumen war ja doch nichts dabei.
Zu Hause fand er auch so viel zu thun, daß er kaum zur Besinnung kam, und sein Mittagessen beseitigte er rasch, denn seine Frau sprach bei Tische kein Wort; sie spielte noch die Beleidigte des neulich erlassenen Verbots der Adeligen wegen, und selbst Ottilie war kleinlaut und hatte rothe Ränder um die Augen. Witte aber that, als merke er das gar nicht, verzehrte seine Mahlzeit, trank, wie gewöhnlich, seine Flasche Wein dazu und ging dann wieder in sein Arbeitszimmer hinüber.
Die Schreiber waren noch nicht von ihrer Eßstunde zurückgekehrt, als es plötzlich anklopfte und auf sein »Herein!« Lieutenant von Wendelsheim, aber in Civil – denn er hatte seinen Abschied schon erhalten – zu ihm in's Zimmer trat.
»Stör' ich Sie, Herr Staatsanwalt?«