Heßberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth faßte, erwiederte, wenn seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so würde sie das dem Baron gehörige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe hinuntergetragen haben. Ueberdies hätte er deutlich genug gefühlt, wie ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafür gegeben sei; das zweite sei auch leichter gewesen, als das erste.
Der Advocat des gnädigen Fräuleins, dem der ungünstige Eindruck nicht entgehen konnte, welchen Heßbergers ganze Erscheinung auf die Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des Zeugen zu verdächtigen. Er war außerdem, wie alle Welt wußte, ein Dieb und Einbrecher, und sein Zeugniß verlor dadurch jedenfalls an Werth. Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Müller aus Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie machte gleich von vorn herein den Eindruck einer achtbaren, durchaus rechtlichen Frau, und Alles, was sie über die Wendelsheim'sche Familie sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als Amme gerufen, klang außerordentlich lobenswerth. Auch über die »Tante« äußerte sie sich; sie sei wohl ein bischen »scharf und knapp« gewesen, aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewäsch von einem Umtausch der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und die Gesellschaft sei auch schon bei ihr gewesen; aber sie sollten nur wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten.
»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte Witte, »die Frau zu fragen, zu welcher Stunde sie auf Schloß Wendelsheim eingetroffen ist.«
Die Antwort lautete: »Morgens halb sieben Uhr.«
»Gut,« sagte Witte, »dann habe ich nur zu bemerken, daß die von Heßberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht fällt.«
Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Gärtner, hatte, wie er aussagte, Heßberger im Garten gesehen und wollte das Schreien eines Kindes gehört haben; aber ganz sicher fühle er sich darin nicht. Andere hatten nur darüber reden und die Vermuthung aussprechen hören, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere, schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat für das gnädige Fräulein schien sich schon auf die Schlußrede vorzubereiten, indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch nichtige Beweisgründe hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln, und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Träger desselben, der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatürlich aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und nicht selber hier erscheinen könne, um seine Rechte zu vertheidigen.
Das gnädige Fräulein triumphirte. Recht wie höhnisch flog ihr Blick über die Versammlung, als Witte ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine Zeugin vorzuführen. Die kleine Frau Müller, die Mutter des Schneiders Müller, kam dann herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr ärmlich aus und schien im Anfang schüchtern; aber das gab sich bald, denn für sie war dieser Proceß zum wahren Heil geworden.
Bis jetzt hatten die früheren Vorgänge in der Wendelsheim'schen Familie noch immer mit drückender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhören; sie brauchte kein Geheimniß mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe dafür zu fürchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie wußte.
Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten. Auch Fräulein von Wendelsheim sah die kleine Frau überrascht an, denn sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je gesehen zu haben – was wußte die von der Sache?
Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser, kaum hörbarer Stimme, so daß sie aufgefordert werden mußte, lauter zu sprechen, sagte sie jetzt: