»Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der Heßberger der gnädigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen Sie mich denn nicht mehr, gnädiges Fräulein? Ich bin ja die Lisbeth, und Sie waren immer so gut und freundlich gegen mich!«

Jetzt erkannte sie das gnädige Fräulein wirklich; aber die Ueberraschung war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflüsterte. Noch mächtiger wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber emporzuckte und mit gefalteten Händen flüsterte: »O mein Gott, die Todten stehen auf!«

»Und Sie müssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann,« nickte ihr die kleine Frau zu, »wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch nicht gesehen haben, denn die Heßberger wollte nicht, als ich hieher zurückkam, daß ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie hatte geglaubt, ich wäre nach Amerika gezogen.«

»Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu haben? Können Sie etwas Näheres darüber angeben?«

»Ach, es wird schon so sein,« seufzte die kleine Frau, »und manchmal und manchmal hab' ich gewünscht, ich wäre gar nicht dabei gewesen, denn recht war's nicht....«

»Ich möchte den Gerichtshof ersuchen,« sagte der Rechtsanwalt des gnädigen Fräuleins, »die Identität dieser auf einmal herzugerufenen Frau erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine Erzählung beeinflußt. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da ich....«

»Jawohl, jawohl,« rief es von mehreren Seiten, »das ist die Frau Müller, die in Mecklenburg war!« – Die Ruhe mußte erst wieder hergestellt werden, und dann wurde Fräulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen bestätigte, daß sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als Wartefrau auf dem Schloß Wendelsheim gedient habe. Der Gärtner vom Schloß befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber bezeichnete. Außerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, daß sie nicht allein die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse thätig gewesen wäre.

Ihr Zeugniß war schlagend. Die Heßberger hatte das Kind gleich unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer getragen, während sie selber an der Waschbütte stehen bleiben und in dem Wasser plätschern mußte, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das gnädige Fräulein war noch in der Stube und stand meist immer neben dem Bette.

Ob sie glaube, daß das gnädige Fräulein das Wegtragen des Kindes gesehen habe?

Sie wüßte nicht gut, wie es anders möglich sei; das gnädige Fräulein wäre allerdings nicht zu ihr an die Waschbütte gekommen und habe nicht nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie habe doch das Weggehen der Heßberger bemerkt, und in der Zeit dürfe eine Hebamme nicht aus dem Zimmer.