Der Advocat des gnädigen Fräuleins wollte jetzt die Frage an die Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwören könne, daß Fräulein von Wendelsheim gewußt, was die Heßberger beabsichtigt.
Schwören konnte sie nicht; man könne keinem Menschen in's Herz sehen. Sie hätte allerdings viel mit der Heßberger gesprochen und sei oft nach der Thür gelaufen, und sie hätte indessen in dem Wasser geplätschert, als ob das Kind gewaschen würde. Endlich sei die Heßberger wieder hereingekommen.
Ob das gnädige Fräulein mit ihr geflüstert habe, als sie in die Thür getreten sei?
Das könne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wären darüber verflossen, und sie möchte Niemandem Unrecht thun, denn das gnädige Fräulein sei immer so gut mit ihr gewesen.
Und brachte die Heßberger das Kind zurück?
Das nicht, was sie mitgenommen hatte, sagte die Frau kopfschüttelnd; ein viel stärkeres mit einem weit größeren Kopfe, und halb erfroren sei's gewesen vor Kälte und Nässe; aber sie hätten es gleich in das warme Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und geküßt hätte, und der Baron wäre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im Hause über die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute hätten alle Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heßberger auch. In der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die Amme abzuholen, welche gegen Morgen eintraf und das Kind überliefert bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der Baronin im Schlosse geblieben.
Ob sie gewußt habe, daß der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das Kind der Frau Baumann sei?
Ganz bestimmt gewußt eigentlich nicht, aber vermuthet hätte sie es, nach Aeußerungen, welche die Heßberger darüber gethan, aber auch nie danach fragen mögen, weil sie Angst gehabt, daß es herauskommen und sie auch straffällig werden könne.
Der gegnerische Advocat suchte sie ein paarmal durch Kreuzfragen irre zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzählung und widersprach sich nicht ein einziges Mal.
Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefügt war. In ihrer Zelle war die Heßberger nämlich noch einmal befragt worden, den Ort anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann erklärt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wüßten nun die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron für sich und ihre Schwester bekommen.