»Jetzt aber,« fuhr dann Witte unter dem Eindruck dieser Enthüllung fort, »muß ich um die Erlaubniß bitten, die betreffende Familie den Geschworenen vorzuführen. Leider war der alte Baron von Wendelsheim selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst so kräftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nöthig, daß Sie mit eigenen Augen bestätigt sehen, was Sie hier eben gehört haben.«

Er erhielt die Erlaubniß, und wenige Minuten später, während jetzt eine so lautlose Stille im Saal herrschte, daß man das Athmen der Einzelnen hören konnte, öffnete sich die Thür, und der alte Schlosser Baumann, begleitet von seinen drei Söhnen, mit ihnen aber der bisherige Baron Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den Geschworenen ein.

Der alte Baumann war blaß, hatte aber die Zähne fest zusammengebissen, und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, während Witte Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte – der letztere natürlich jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknöpft.

Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den für ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen. Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie auf die Mutter selber machte. Mit weit geöffneten Augen und getrennten Lippen, beide Hände wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet, saß sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes.

Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine wahrhaft unheimliche Stille in dem großen Saal; aber das dauerte nicht lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hörbares Flüstern, das aber stärker und stärker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren Grund in der fast auffallenden Aehnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei Jahre jüngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei Brüder, als zwei Schößlinge von demselben Stock, neben einander. Bruno mochte um eine Kleinigkeit größer sein, und sein Gesicht zeigte etwas mehr Intelligenz, aber die Züge waren bis in das Kleinste hinab unverkennbar die nämlichen, während das Antlitz von Fritz einen ganz entschieden andern Charakter trug.

Fritz war braun von Haar, ja, fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen Augen, Bruno, wie alle Söhne des Schlossermeisters, blond, mit blauen Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase, während Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fräuleins von Wendelsheim verrieth.

Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz – ihre Kniee zitterten, und sie mußte sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort gesprochen werden konnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber mit immer festerer Stimme: »Ich weiß nicht, ob ich hier reden darf, aber ich kann jetzt nicht länger schweigen. Jener böse Mann hat gesagt, ich habe die Lüge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn eine große Erbschaft zuzuwenden – o, wenn er in mein Herz sehen könnte! Jahr nach Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrämt und abgehärmt, aber immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich vertrauen durfte. Ich hätte ihm auch ferner entsagt, denn die Sünde war einmal geschehen, und ich fürchtete mich mit dem Geständniß dessen, was ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten, bis endlich die Angst dazu kam, daß der Knabe, der durch meine Schuld seinen Eltern entführt war, zu Unglück oder Tod kommen könnte, weil man seinen wahren Stand nicht kannte. Da litt mich's nicht länger – die Sehnsucht nach dem eigenen Kinde preßte mir dabei fast das Herz ab – ich begegnete ihm auf der Straße, und er kannte mich nicht und ging kalt vorüber, wo ich ihm hätte an die Brust fallen und weinen mögen – o, nur einmal weinen! Wie ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser Stunde angethan, ich weiß es nicht – ich verstehe auch Vieles von dem nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das – das ist mein Kind – das hier!« stammelte sie und näherte sich Bruno, der ihr in unbeschreiblicher Aufregung gegenüberstand – »das mein Sohn, den ich nicht an mein Herz drücken durfte, seit ihn mir die Schwester an jenem entsetzlichen Abend aus den Armen riß – das hier – das...« Sie vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht länger halten, und Alles vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Kläger, Zuschauer, umfaßte sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine Kniee und schluchzte laut.

Da aber konnte sich auch Bruno nicht länger halten. Er erkannte in der Frau dieselbe, die ihn so oft und schüchtern auf der Straße gegrüßt, während er gleichgültig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr dieselbe, die ihm oft mit rührender Sorge kleine Geldsummen gesandt, welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und emporhebend, drückte er sie mit den Worten: »Mutter – meine Mutter!« an sein Herz.

Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene thränenleer – das gnädige Fräulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben der Gruppe, mit keinem andern Bewußtsein, als dem der Schande und Scham, sich an diesem Ort zu finden.

Die Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestört worden, und der Sachwalter des Fräuleins protestirte dagegen; er fühlte und sah, welchen Todesstoß es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte verzichtete übrigens von jetzt ab auf das Wort; er wußte recht gut, daß er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen mochte, nur hätte abschwächen können, und der Advocat des Gegenparts versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer längeren Rede nicht allein die vorgebrachten Zeugen zu verdächtigen, sondern auch die Aehnlichkeit zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, daß er sie leugnete, bekannte er stillschweigend, daß er sie ebenfalls bemerkt.