»Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander – ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen, eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.«

»Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon besonders erzählen.«

»Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau; »gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen mich und den kleinen Baron – Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß die gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.«

»Die gnädige Frau Tante?«

»Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim, die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt die armen Dienstboten, die unter ihr stehen müssen!«

»Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der Rath eine Frage ein.

»Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen winden ließe. Sie biß eher.«

»Aber mit dem Kinde war sie gut?«

»Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und konnte oft stundenlang kein freundliches Wort – was überdies selten genug aus ihrem Munde kam – mit irgend einer Seele reden.«

Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber, ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort: