»Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen; die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu erzählen....«
»Natürlich,« nickte die Frau, »weil mit dessen Geburt eine große Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, über was reden die Leute nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden ließen – das Pack das!«
Die Erinnerung oder vielmehr Erwähnung jener mißglückten Versuche schien gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. »Der zweite Sohn ist jetzt recht leidend,« sagte er nach einer kleinen Pause, »man glaubt kaum, daß er noch lange leben wird.«
»Na, dem Beißfräulein gönne ich das,« meinte Frau Müller, »denn sie soll den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, während sie sich um den ersten wenig oder gar nicht bekümmerte – und was für ein draller, derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!«
»Und haben Sie den Aeltesten kürzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie wissen, Officier.«
Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog er die Augenbrauen hoch in die Höhe. Endlich erwiederte die Frau, die indessen still vor sich niedergesehen:
»Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kümmert sie nachher eine arme alte Frau, die sie früher mit ihren eigenen Säften genährt! Sie denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt hätte, wäre er schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn daß ich wieder hier wohne, muß er doch wohl wissen; aber er kümmert sich nicht mehr um seine alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn er's aushalten kann – na, ich kann's auch.«
»Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hangen,« sagte der Rath, der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wünschte.
»Nun,« fragte die Frau und sah ihn verwundert an, »soll sie denn das auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete, irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der für sie sorgte und mühte, als mich? Alle Ursache für sie, daß sie an mir hängt, und es wäre unnatürlich, wenn sie anders sein wollte.«
»Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schloß Wendelsheim waren,« bemerkte der Major, »dann kennen Sie ja auch wohl eine Frau Heßberger, die damals dort aus und ein ging?«