Die Frau Müller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, daß überhaupt so viele Fragen an sie gerichtet wurden, während Rath Frühbach, der diese Antwort mit der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise offerirte.
Wenn diese gewußt hätte, daß Rath Frühbach immer Morgens, ehe sein Zimmer gereinigt wurde, den über Tag beim Schnupfen auf die Matte gefallenen Schnupftabak wieder sorgfältig zusammenschob und zurück in die Dose that, so würde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major wußte es wenigstens und schnupfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile:
»Die Heßberger? Gewiß kenne ich die – die schlechte Person! Aber weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie überhaupt jetzt auf die Heßberger?«
»Lieber Gott,« sagte der Major, doch halb verlegen, »da wir gerade so von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft und oft gehört.«
»Das ist auch wahr,« nickte die Frau, »weil sie mit dem gnädigen Fräulein immer durchsteckte, und der alte Baron mußte wohl thun, was die Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spaß; aber die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!«
»Die Heßberger hat sich damals ein schön Stück Geld verdient,« sagte der Major.
»Was geht's uns an,« brach jedoch die Frau, jedenfalls mißtrauisch werdend, kurz ab; »ich rede nicht gern über die Zeiten, und mit fremden Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer Brieftasche, Herr – ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen....«
»Frühbach, verehrte Frau – Rath Frühbach,« sagte der also Angeredete, der seine Tasche schon lange wieder zurückgeschoben hatte, indem er jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. »Aber das hat Zeit, bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns hier angenehm unterhalten – ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.«
»Ja, die Wohnung ist allerdings recht hübsch,« nickte die Frau, »nur eigentlich fast ein bischen zu groß für eine alleinstehende Wittwe; aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich darin bequem machen.«
»Merkwürdig, daß es mir noch nicht aufgefallen ist,« meinte Frühbach, »und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus – ich trinke den Aepfelwein so gern, er ist auch für meinen Körper zum Bedürfniß geworden, ich könnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein säuert ein wenig, ist aber auch dafür, glaube ich, um so viel gesunder als der vorjährige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke jetzt noch mit Schmerzen daran, daß er vorüber ist.«