»Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir schuldig sind?«
Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der Straße nach Alburg hinaus.
13.
Vater und Sohn.
Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser, sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.
Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben – aber über was konnte er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich – Pferde und Dienstsachen ausgenommen – über nichts mit ihm zu sprechen.
Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Märchen erzählen mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus, wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante« erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie gestimmt machte.
Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen – und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei, wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu setzen!
Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut, daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte; aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte, die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief oft ein Lächeln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen leuchten und blitzen.
Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert, denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein – war es ein anderer Kummer, der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte, und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten, ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde.
Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein – aber er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte.