Jetzt war er ein Mann geworden, und man hätte denken sollen, die Tante würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache nicht zu erklären denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie konnten – und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß?

Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien – überdies ein sehr seltener Fall –, wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen.

»Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu.

»Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den Gruß zu erwiedern.

»Den Vater. Weshalb?«

»Du warst bei Benno oben?«

»Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.«

»Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.«

»Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur »guten Tag« gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem jungen Baumann.«

»Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen, und wenn ich zu ihm komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.«