»Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du – deren ich mich zu schämen brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, was ich Alles mein langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten.«

»Die Ehre unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster – »das heißt den äußeren matten Glanz, den Anstrich – wie aber war es indeß im Innern? Die Ehre des Hauses – und wie stand es indessen mit dem Glück, dem Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan, daß mir das Alles gestohlen wurde?«

»Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in Schulden stürzte?«

»Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug – übergenug davon! Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen – aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht mich hieher zurück.«

»Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?«

»Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.«

»Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?« sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren. »Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf irgend Jemanden rathen kann.«

»Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,« sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Salomon.«

»Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott mit mir? Die Tochter des alten Juden?«

»Die Tochter des alten Juden,« wiederholte Bruno scharf und langsam; »ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit Dir – habe es nie gethan.«