Der Freiherr hatte zwei Söhne, von denen der älteste – jetzt fast vierundzwanzig Jahre alt – Lieutenant war, während der jüngste – ein zarter Knabe von kaum etwas mehr als siebenzehn Jahren – seines sehr leidenden Körpers wegen in den letzten Jahren sogar seine Studien hatte unterbrechen müssen und hier auf dem Schlosse, in der milden und freien Luft, nur seiner Gesundheit lebte.
Aber es war eigentlich ein trauriges Leben auf Schloß Wendelsheim, und besonders seit die Freifrau einige Jahre nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes gestorben, schien es, als ob der Frohsinn die alten Mauern gründlich verlassen habe und nur noch bei dem Freiherrn und dessen Schwester das Bewußtsein ihres Ranges und Standes mit Stolz und Härte genug zurückgeblieben wäre, um eine dreifache Anzahl von Dienstleuten, als sich jetzt im Schlosse befand, mürrisch zu erhalten und unbehaglich zu machen.
Wenn aber auch die Vermögensverhältnisse des Freiherrn jetzt ziemlich gedrückter Art waren und er bedeutende Schulden machen mußte, um nur standesgemäß leben zu können, so bekam er trotzdem überall geborgt und wußte auch, daß sich sogar in allernächster Zeit seine Vermögensverhältnisse, oder die des Hauses wenigstens, glänzend verbessern, ja wie ein Phönix aus der Asche erstehen würden.
Mit dem Geburtstage seines ältesten Sohnes, des Lieutenants nämlich, der in kaum zwei Monaten fiel, wurde eine außerordentlich bedeutende Erbschaft für diesen fällig, die eigens dazu bestimmt worden, den alten Glanz des Hauses Wendelsheim wieder neu zu beleben.
Der letzte Abkömmling einer der Hauptlinien hatte diese Erbschaft ausgesetzt, aber mit einer eigenthümlichen Nebenbestimmung.
Beide Vettern, jener alte General von Wendelsheim und unser alte Freiherr, hatten eigentlich nie in gutem Vernehmen mitsammen gestanden, ja, sich sogar gründlich gehaßt, und dieser Gefühle auch nie groß Hehl gehabt. Bruno von Wendelsheim aber, wie der General hieß, war, bei einem enormen Reichthum, unvermählt geblieben, ja, sogar ein Weiberhasser, und hing nur mit all' der zähen Liebe und Verehrung, deren er fähig war, an seinem alten Stammbaum, an dem Glanze und Ruhme derer von Wendelsheim, und doch drohte das ganze Geschlecht auszusterben, denn unser Freiherr war damals der Letzte des Namens und, obgleich er schon fünf Jahre vermählt, noch ohne Lebenserben.
Da bezwang der alte General auf seinem Sterbebette den Haß, den er gegen die Person des Vetters vielleicht gefühlt, und nur noch in ihm den alleinigen Träger des Namens sehend, setzte er wenige Tage vor seinem Tode ein Testament zu dessen Gunsten auf.
Er wußte, in welch' zerrütteten Vermögensverhältnissen sich jener Zweig der Familie schon damals befand, und wenn ihm auch nichts daran lag, dem Vetter selber aus der Verlegenheit zu helfen, sollten doch die Erben des Namens wenigstens nicht mit einer solchen Misère zu kämpfen haben. Das Testament lautete aber vorsichtiger Weise nur auf einen männlichen Erben des Hauses Wendelsheim, der aber auch erst wenn er das vierundzwanzigste Jahr erreicht hätte, die damals für ihn verzinslich angelegte Summe von zweihunderttausend Thalern ausgezahlt erhalten solle.
Bekam der Baron von Wendelsheim mehrere Söhne, so blieb dieses Capital trotzdem nur für den ältesten bestimmt und ging erst nach dessen Tode, wenn er ohne Söhne starb, auf den zweiten über. Bekam der Baron dagegen keine Kinder, oder nur Mädchen, so sollte er nicht einen Pfennig von der Summe erhalten, denn diese konnten den alten Namen nicht fortpflanzen. Fünfzigtausend Thaler waren in diesem Falle einem sehr weitläufigen Verwandten und damals sehr lockern Officier, einem Herrn von Halsen, ausgesetzt, und mit dem Rest, von dem indessen Zins zu Zins geschlagen wurde, sollte ein Stift für adelige Fräuleins gegründet werden. Bekam der Freiherr dagegen Knaben, so sollte er schon in so fern früher eine theilweise Nutznießung der Zinsen haben, als er vom zwölften Jahre des Erstgeborenen an jährlich für dessen Erziehung zweitausend Thaler erheben konnte.
Freiherr von Wendelsheim wurde nach dem Tode seines Vetters mit dem Inhalt dieses Testaments bekannt gemacht und allerdings sehr freudig überrascht. Mit um so größerer Angst sah er aber nun auch dem Zeitpunkt entgegen, der seine frohesten Hoffnungen verwirklichen sollte und einzutreten versprach: nämlich die Geburt eines Kindes. Aber Alles hing natürlich davon ab, daß es ein Knabe sei, denn bei der Geburt einer Tochter änderte sich in seinen Vermögensumständen nichts; er blieb nach wie vor auf seine eigenen, sehr reducirten Mittel angewiesen und ihm schließlich, wenn kein Sohn nachkam, nichts weiter übrig, als die Tochter in das nämliche Stift zu thun, das sein Vetter mit dem ihm entzogenen Gelde gegründet haben wollte.