Damals soll er sich auch in einer furchtbaren Aufregung befunden haben und halbe Nächte nicht vom Pferde gekommen sein. Aber er hatte sich umsonst geängstigt. Die so heiß ersehnte und gefürchtete Stunde brach endlich an, und lauter Jubel weckte plötzlich mitten in der Nacht die Dienerschaft, denn der erwartete Erbe, ein prächtiger, dicker Junge, war erschienen und schrie lustig in die ihm noch fremde Welt hinein.
Das war ein Jubel im Hause: der Champagner floß und die Dienerschaft bekränzte am folgenden Morgen das ganze herrschaftliche Schloß mit grünen Guirlanden und Blumen. Ja, der Schulmeister aus dem Dorfe Wendelsheim rückte sogar mit der ganzen Schuljugend hinauf auf's Schloß, ließ die Jungen einen Choral absingen, als ob sie eine Leiche zu Grabe trügen, und zog sich dann wieder, Taschen und Hut voll von noch dampfenden, warmen Kuchen gestopft, in die Stille des Privatlebens zurück.
Der Knabe wuchs und gedieh. Es war anfangs ein bildhübsches Kind gewesen, aber er entwickelte sich später etwas derber und knochiger, wie man das ja wohl häufig bei auffallend hübschen Kindern hat, daß sie nicht immer halten, was sie versprechen. Die Eltern aber hingen mit größerer Liebe an dem Knaben, als sich die Hoffnung, einen zweiten Sohn und Erben zu erhalten, immer weiter hinausschob.
Daß dabei im Publikum, mit der eigenthümlichen Erbschaft zusammenhangend, anfangs ganz sonderbare Gerüchte auftauchten, läßt sich denken. Auf die Aussagen verschiedener Leute im Schlosse fußend, wurde behauptet, mit dem Erben sei nicht Alles so recht und richtig zugegangen. Es wäre eigentlich ein Mädchen gewesen, und der alte Baron hätte dafür gesorgt, daß er sich die Erbschaft trotzdem sicherte. Aber es war in all' den Gerüchten keine feste Basis, und das Meiste beschränkte sich nur auf Hörensagen. Der Verdacht war allerdings da; man traute dem Baron etwas Aehnliches zu, aber die Beweise fehlten, und wie sich diese Gerüchte ein paar Monate gehalten und das stehende Thema aller Kaffeegesellschaften gebildet hatten, verschwanden sie, wie sie gekommen. Zuletzt sprach kein Mensch mehr davon, und als sechs und ein halb Jahr später die Baronin noch einem zweiten Knaben das Leben gab, zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen überhaupt in Nichts.
Leider kränkelte von da ab die Baronin selber unaufhörlich, und wenn es auch manchmal schien, als ob sie wieder hergestellt werden könne, war das nur immer ein Aufflackern der Lebenskräfte. Benno hatte noch nicht sein viertes Jahr erreicht, als sie ihrer unheilbaren Krankheit erlag.
Nun ist es allerdings ein sehr natürlich Ding, daß Eltern nur zu sehr geneigt sind, das jüngste Kind etwas zu verwöhnen und ihm anscheinend ihre ganze Liebe zuzuwenden. Das Kleinste ist ja auch immer das Niedlichste und erfordert die meiste Sorge und Pflege, und wir geben uns am liebsten und häufigsten mit ihm ab. Auffallend war aber doch, wie der Vater von dem Augenblick an, wo er seinen jüngsten Sohn auf dem Arm schaukelte, den Erstgeborenen vernachlässigte und sich fast gar nicht um dessen Erziehung kümmerte. Das jüngste und allerdings sehr zarte Kind ließ er fast nicht aus den Augen und wachte mit ordentlich mütterlicher Sorgfalt über ihn. Der Aelteste dagegen mochte thun, was er eben wollte, er ließ ihm ganz seinen eigenen Weg. Bruno wuchs demnach ganz allein, seinen eben nicht glänzenden Anlagen überlassen, ziemlich wild und ungehindert auf. Zur Musik zeigte er entschiedenes Talent, zu weiter nichts, und als die Frage endlich an den Vater herantrat, was einmal aus ihm werden sollte, wurde er in die große Versorgungsanstalt für adelige Kinder, in ein Cadettenhaus gesteckt.
Benno, der zweite Sohn, wuchs indessen ebenfalls heran; aber es war in der That nur ein Angstkind und sein kleiner Körper so empfänglich für die geringsten Einflüsse, daß es fast keine gesunde Stunde hatte. Ob man es vielleicht mit allzu großer Pflege versehen, läßt sich nicht sagen; aber während Bruno draußen in Wind und Wetter herumtollte, wenn er einmal nach Hause kam, des Vaters wildeste Pferde ritt, oder Nächte durch draußen im Wald auf dem Anstande lag, mußte Benno wie ein rohes Ei vor jedem rauhen Luftzug gehütet werden.
Merkwürdig stach außerdem Benno's zarter, von lichtblauen Adern durchzogener Teint, das bleiche Antlitz mit den großen, dunklen Augen und den wirklich edlen Zügen gegen das kräftige, sonnverbrannte Gesicht des Bruders ab, der außerdem noch blaue Augen und eine etwas stumpfe Nase hatte. Die beiden Brüder sahen sich überhaupt gar nicht ähnlich, wenn sie sich auch herzlich lieb hatten, und waren auch in ihren Neigungen ganz verschieden.
Bruno fand weniger Freude am Soldatenstande als an der Oekonomie, für welche er schon von früher Jugend an eine Vorliebe zeigte. Benno dagegen, vielleicht auch durch seinen kränklichen Körper darauf angewiesen, warf sich mit größter Liebe auf die Wissenschaften, und darunter besonders auf physikalische und mathematische Werke. Er schien auch dabei nur eine Leidenschaft seines Großvaters geerbt zu haben, der sich ebenfalls mit der Mathematik viel beschäftigt und eine Masse von ihm benutzter Instrumente noch hinterlassen hatte.
So wuchsen die Brüder heran, und der Zeitpunkt war schon auf wenige Monate, ja, fast auf Wochen nahe gerückt, wo Bruno, als der älteste Sohn oder Erstgeborene, die indessen durch Zins und Zinseszins bedeutend angewachsene Erbschaft erheben sollte. Es schien ja auch allen Bedingungen genügt, und Vater wie Sohn wünschten den Tag sehnlichst herbei, denn beide hatten nicht gering auf ihn gesündigt. Du lieber Gott, wie viel Geld braucht denn nicht allein ein adeliger Lieutenant, wenn er auf der Welt nichts weiter zu thun, als einen alten Namen zu repräsentiren hat!