Benno's Zustand verschlimmerte sich dagegen mit jedem Tage, und wenn man gehofft hatte, daß er in einem mehr reiferen Alter die Kränklichkeitskeime abschütteln würde, so zeigte sich leider nur zu bald das Gegentheil. Der Arzt hatte die Krankheit für einen Herzfehler erklärt, und sie schien, anstatt sich zu heben, einen immer drohenderen Charakter anzunehmen.
Sein Vater und selbst die Tante, oder das »gnädige Fräulein,« wie sie im Schlosse genannt wurde, pflegten ihn allerdings nach besten Kräften und thaten, was sie ihn nur an den Augen absehen konnten, aber Benno erwiederte die Liebe kaum, die sie ihm entgegenbrachten. Des Vaters hastiger, unruhiger Charakter sagte dem kranken Knaben nicht zu, und die Tante nun gar, die keinem Menschen auf der Welt, ihn vielleicht ausgenommen, ein freundliches Wort gönnte, vermochte nicht ihn an sich zu gewöhnen.
Die Einzige im ganzen öden Schlosse, bei deren Erscheinen ein Lächeln seine Züge überflog, und der er traurig nachsah, wenn sie ging, war ein junges Mädchen, eine weitläufige Verwandte, die seine Mutter noch als kleines Kind zu sich genommen und der jetzt seine Hauptpflege übergeben worden.
Kathinka von Stromsee, in ziemlich gleichem Alter mit Benno, dem jüngsten Sohne, war eigentlich dessen Cousine, wenn auch die Familie Wendelsheim nie etwas von der Verwandtschaft wissen wollte. Ein Neffe des alten Barons, der Sohn seiner älteren, längst verstorbenen Schwester, ein von Stromsee, hatte nämlich den furchtbaren Mißgriff begangen, mit selbst keinem Vermögen, ein blutarmes, bürgerliches Mädchen zu heirathen, welcher Mesalliance dann glücklicher Weise nur diese einzige Tochter entsproß. Die beiden Eltern starben auch bald nachher, und Frau von Wendelsheim setzte es gegen ihre Schwägerin durch, die Waise in ihre Familie aufzunehmen.
Fräulein von Wendelsheim war aber vom ersten Augenblick an gegen das Kind gewesen und würde ihren Bruder nach der Baronin Tod sicher bewogen haben, die Kleine wieder fortzuthun, wenn sich nicht Benno so sehr an sie gewöhnt hätte. Er war unglücklich, sobald er die kleine Spielgefährtin nur auf eine Secunde missen sollte, und der Baron selber, der Alles für den Knaben that, duldete deshalb nicht, daß sie aus dem Hause gestoßen wurde.
Er blieb auch ziemlich gut mit ihr, aber Kathinka konnte sich dagegen nicht rühmen, je nur einen freundlichen Blick selbst von der Tante gesehen zu haben, die sie von Grund aus zu hassen schien, und doch hatte ihr das Kind nie etwas zu Leide gethan. Es lag das freilich im Charakter des »gnädigen« Fräuleins, und ließ sich eben nicht ändern.
So blieb Kathinka allerdings im Schlosse, verlebte dort aber auch eine traurige, trostlose Jugend. Zuerst nahm sie an den Unterrichtsstunden Benno's Theil und war seine Gespielin, dann wurde sie seine Pflegerin, ja, endlich nur die Krankenwärterin des armen, dahinsiechenden Knaben, aber auch zugleich seine treueste Freundin und Vertraute.
War kein Mensch im Stande, ihn von seinen anstrengenden Studien und Büchern wegzubringen, selbst nicht sein Vater, so brauchte Kathinka nur ihren Strohhut aufzusetzen und zu sagen: »Nun, wie ist's, Benno, wollen wir einen kleinen Spaziergang machen? Ich muß nach unseren Rosen sehen,« dann warf er den Band, den er gerade in Händen hielt, rasch bei Seite, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und schritt mit einem glücklichen Lächeln an ihrer Seite durch die schattigen Laubgänge des Parkes. Nach solchen Spaziergängen fühlte er sich auch immer viel wohler, jedenfalls heiterer, und der darüber befragte Arzt rieth ihm, diese Zerstreuung unter jeder Bedingung zu erhalten. Er wisse nichts, was wohlthätiger auf ihn wirken könne.
Benno, so jung er war, beschäftigte sich sehr gern mit physikalischen Arbeiten; er hatte sich auch mit Hülfe eines Technikers aus der Stadt – unseres jungen Bekannten Baumann –, der manchmal herauskam, um ihm Anleitung zu geben, eine kleine Elektrisirmaschine selber gebaut und war jetzt wieder dabei, um einen Luftballon mit Centrifugal-Fliegmaschine herzustellen. Freilich konnte er die dazu nöthigen feineren und sehr genau zu arbeitenden Theile nicht allein bewältigen, und Fritz Baumann half ihm da, wo es nur irgend seine Zeit erlaubte, mit wirklich aufopfernder Geduld. Baumann hatte aber auch nicht allein bald den sehr bösartigen und vielleicht drohenden Charakter von Benno's Krankheit erkannt, sondern er fand in der That selber Freude an den oft sogar geistreichen Versuchen des Knaben, und verbrachte manchen ganzen Sonntag auf Schloß Wendelsheim. Die »gnädige« Tante gestattete aber natürlich nie, daß er mit am Herrentische aß – der war nicht für Bürgerliche und noch dazu für Handwerker, sondern er wurde, wie auch Benno dagegen bat, jedesmal auf den Verwalter angewiesen, gewissermaßen an die »Marschallstafel.«
Bei solchen Besuchen unterstützte er den kranken Knaben aber nicht allein in seinen Arbeiten und experimentirte mit ihm, sondern er gab ihm auch zugleich manche werthvolle Anleitung, wie er sich Kleinigkeiten mit leichter Mühe herstellen konnte, und Benno fand eine unendliche Freude daran.