So war er auch heute wieder herausgekommen, um Benno eine von diesem selber entworfene und angefangene Arbeit zu bringen: einen Mechanismus, der die genaue Bewegung des Mondes um die Erde darstellen sollte. Wie er aber das Schloß betrat, hörte er eine scharfe, keifende Stimme; das konnte nur die des gnädigen Fräuleins sein, und er blieb zögernd stehen. Er wußte nicht, sollte er trotzdem hinaufgehen oder lieber einen günstigeren Zeitpunkt abwarten, denn obgleich ihm die »Tante« gerade nichts zu befehlen hatte, theilte er doch unwillkürlich die Furcht oder Scheu vor ihr, die fast das ganze Schloß erfüllte. Wie er noch so dastand, kam Kathinka die Treppe herunter und glitt mit einem schüchternen Gruße hastig an ihm vorüber in die Wirthschaftsräume. Es konnte ihm auch nicht entgehen, daß sie geweint hatte oder noch weine, wenn sie ihr Gesicht auch von ihm abdrehte. Ein einzelner fallender und in der Sonne blitzender Tropfen verrieth Alles.
»Armes Mädchen,« murmelte er leise vor sich hin, »Du hast auch einen schweren Stand in diesem Hause, und ich möchte nicht an Deiner Stelle sein! Daß vornehme Leute nur so selten wissen, wie solch einem armen Wesen unter fremden Menschen zu Muthe sein muß – oder ob sie's wissen und es nur nicht wissen wollen? Die Tante sähe mir etwa gerade danach aus. Himmel, ist das ein Drache!«
Er wollte langsam und ganz in seine Gedanken vertieft die Treppe hinaufsteigen, denn das Keifen oben hatte aufgehört, als einer der Diener unten aus der Küche kam und ihm zurief, der junge gnädige Herr sei im Garten in der Weinlaube. Kathinka mußte den Boten gesandt haben, um ihm die Treppe zu ersparen. Er dankte dem Manne, der sich aber schon nicht weiter um ihn kümmerte, denn was ging ihn der Handwerker an, und schritt dann rasch in den Garten und der bekannten Stelle zu, wo er auch Benno zwischen seinen Büchern und Instrumenten traf.
Benno's ganzes Gesicht leuchtete, als er ihn kommen sah, und Fritz Baumann mußte sich jetzt zu ihm setzen, damit er die gebrachte Arbeit genau prüfen konnte. Fritz erklärte ihm dabei eine kleine, nur unwesentliche Aenderung, wie er sagte, die er für nöthig befunden und die nur das Arbeiten des Werkes erleichtere, in Wahrheit es aber nur allein möglich machte, und Benno war glücklich darüber und schien auch heute wohler und lebendiger, als seit langer Zeit. Er plauderte und erzählte dem jungen Manne noch von einer Menge seiner Pläne und merkte gar nicht, daß Kathinka endlich mit seinem gewöhnlichen Getränk selber herausgekommen war, um ihn dann zu seinem vom Arzte vorgeschriebenen Spaziergange abzurufen.
»Spazierengehen? Ja, liebe Kathinka,« sagte Benno, »recht gern, aber was fange ich indessen mit diesem kleinen Kunstwerk an?«
»Kann das nicht so lange hier stehen bleiben?«
»Daß mir der Gärtnerbursche wieder, wie neulich einmal, seine dicken Finger dazwischen steckt und etwas verdirbt, nicht wahr?« rief Benno rasch.
»Dann will ich es lieber rasch hinauftragen,« erbot sich das junge Mädchen.
»Meine liebe Kathinka,« sagte Benno kopfschüttelnd, »das ist mein Steckenpferd, und das vertraue ich nicht einmal Dir an. Wenn Du fielst und es zerbrächst, wäre mir die ganze Freude verdorben. Ich trage es selber hinauf. Warten Sie hier nur einen Augenblick, Baumann; ich bin gleich wieder bei Ihnen und bringe dann auch den Gartenschlüssel mit, daß wir Sie hinten hinauslassen können; Sie ersparen dadurch einen Umweg.« Und ohne eine Einrede zu gestatten, nahm er mit sorglicher Hand das Räderwerk und schritt rasch durch den Garten dem Schlosse zu.
Die beiden jungen Leute folgten ihm, Jedes seinen eigenen Gedanken nachhangend, mit den Augen. Endlich sagte Baumann, aber fast mehr zu sich selbst als der neben ihm Stehenden redend: