In diesem »Bewußtsein ihrer Stellung« wurde Ottilie erzogen, und leider bekam sie von der eigenen Mutter öfter als gut zu hören, wie hübsch sie sei – und wie vornehm, und daß sie sich mit gutem Gewissen zu den ersten Familien der Stadt, der sogenannten »Crême« der Gesellschaft, zählen dürften.
Dadurch wurden viele Verbindungen mit früher befreundet gewesenen, aber ärmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nähere Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch vielleicht nichts Derartiges äußerte, so war sie doch jedenfalls im Herzen fest entschlossen, ihre Ottilie – komme was wolle – dermaleinst als »Frau Baronin« einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen seufzte, »wollte sie gern sterben.«
Daß Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgültig blieb, läßt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genährt werden würde.
»Wo ist denn der Vater?« fragte Ottilie endlich. »Hat er schon getrunken?«
»O, schon seit einer vollen Stunde,« sagte die Mutter; »aber er wurde mitten darin abberufen.«
»Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken! Wer ist denn bei ihm?«
»Ich weiß es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage. Es ist erstaunlich, wie das jetzt überhand nimmt. Denke Dir nur, Herr von Löser läßt sich auch von seiner Frau scheiden.«
Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile still vor sich nieder. Endlich sagte sie: »Es ist doch sonderbar und eigentlich recht traurig, daß Leute, die geschworen haben, in Freude und Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden und sich so unglücklich mit einander fühlen können. Ich bin gar nicht im Stande, mich da hineinzudenken.«
»Gewiß ist es traurig,« sagte die Mutter achselzuckend, »aber auch nur wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unüberlegt viele Verbindungen für das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mädchen sollte nie vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.«
»Aber, Mama,« lachte Ottilie, »dann ist sie ja kein junges Mädchen mehr, sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmäßig sitzen. Wie alt warst Du denn, als Du den Vater nahmst?«