»O, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzähle eben der gnädigen Frau...«
»Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versäumen möchte...«
»Wie es mir beinahe einmal gegangen ist,« sagte der unverbesserliche Rath Frühbach. »Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit – es betraf das Vermögen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt hatte die Sache zu besorgen – einen Termin angesetzt bekommen, um elf Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, daß ich den einhalten mußte, wenn ich das Ganze auch nur aus Gefälligkeit that. Ich ziehe mich also an, und da es noch ein wenig früh war, schlendere ich langsam über die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den früheren Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe natürlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzählen uns so einige interessante Sachen aus früheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe, schlägt es ja wahrhaftig Elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.«
Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fuß auf den andern.
»Könnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in den Garten gehen,« sagte er jetzt, »um unsere Sache abzumachen? Ich habe nicht lange Zeit, Major....«
»Ach, Sie wollen etwas mit einander besprechen,« sagte der Rath, »ja, dann will ich Sie lieber allein lassen. A propos, Herr Major, haben Sie denn die Aepfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide wirkt. Ich fühle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch überzeugt, daß es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt....«
»Also was war es, Major?« rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde und schon nach der Uhr sah. »Ich muß wahrhaftig wieder fort, wenn Sie nicht reden!«
»Rechtshändel,« sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging, »müssen unter vier Augen abgemacht werden, und ein Dritter ist dabei das fünfte Rad am Wagen. Also Adieu, lieber Herr Major – leben Sie recht wohl, Frau von Bleßheim! Bald hätt' ich auch noch vergessen, daß ich Sie von meiner Frau grüßen sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich Ihnen auch das Recept zu den Umschlägen mit; heute habe ich wirklich nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man übrigens immer bei sich führen, denn man weiß nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen – damals hatten wir noch keine Eisenbahn – (der Staatsanwalt lief, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), und in Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die ich recht gut von früher her kannte, und hatte furchtbare Krämpfe, und kein Arzt war aufzutreiben. Aber glücklicher Weise trug ich ein ganz vortreffliches Recept für solche Fälle, das mir der berühmte Schönlein, ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, ließ es zubereiten, und die Krämpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun – also guten Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem Aepfelwein an, Major.«
»Herr Du mein Gott,« rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thür hinter sich zugedrückt hatte, »ist das ein langweiliger Peter! Der Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie Sie den, zu allen Ihren übrigen Leiden, auch noch ertragen können, Major!«
»Du lieber Gott,« sagte dieser, »es ist ein seelenguter Mensch, und vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.«