»Ah, mein lieber Rath,« sagte der Major, doch einigermaßen enttäuscht, »ja, wie soll's gehen – wie es einem armen, kranken Menschen gehen kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist etwa Alles, was ich von mir rühmen kann.«

»Bei Athmen,« sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie gewohnt, in die Ecke stellte, »fällt mir.... – ach, ergebenster Diener, Frau von Bleßheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!«

»Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!«

»Fällt mir eine komische Geschichte ein,« fuhr der Rath fort, ohne auf den Krankheitszustand der Dame weitere Rücksicht zu nehmen. »Denken Sie, ich sitze eines Abends noch spät an meinem Schreibtische und arbeite, und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr draußen schlagen zu hören – wir haben eine Schwarzwälder Uhr, die immer auf dem Gange hängt, weil es für das Mädchen in der Küche bequem ist, wenn sie sehen kann, welche Zeit es ist –, da athmete 'was im Zimmer, und zwar lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig nicht ängstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen über dem Schreibtisch hangen, wenn je einmal etwas vorfallen sollte, aber im ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt über den Leib, und mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Säbel von der Wand und mit der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein Raum, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Auf einmal höre ich etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtische her, und wie ich mich jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwünschte Jagdhund, der sich hereingeschlichen haben muß, ohne daß ich ihn bemerkte, und der jetzt ganz vergnügt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und dabei gegen den Schreibtisch schlug.«

»Ja,« sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt gedacht hatte und ob der noch nicht käme, »er wird wahrscheinlich noch beschäftigt gewesen sein.«

»Gott bewahre,« versicherte der Rath, »er hatte geschlafen und ich das Athmen gehört, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so curios, als ob es von dem Sopha herkäme.«

»Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin?« sagte die gnädige Frau.

»Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleßheim, recht gut! Es ist merkwürdig, wie sich die Frau auf den Füßen hält, und immer thätig, immer auf dem Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr schon das fünfte Mädchen...«

»Da kommt er,« sagte der Major, der indessen draußen einen Schritt gehört hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf sein rasches »Herein!« trat der Staatsanwalt in's Zimmer.

»Guten Morgen, Major, guten Morgen, gnädige Frau! Ah, da ist ja auch der Herr Rath Frühbach! Wie geht's, Rath?«