»Na, meinethalben kann Sie gehen,« fuhr da der Major auf, »ich halte Sie nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen, bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kümmert's – keinem Teufel würde ein Auge drum naß werden! Ach Du lieber Gott, ist das ein Elend auf der Welt!«
Die Köchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal der Dienst gekündigt wurde, verließ brummend das Zimmer, und die beiden Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thür endlich aufging und der lang erwartete Christian hereintrat.
Christian paßte vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollständig, trug dabei einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um den Hals und hielt den Oberkörper ganz gebückt oder vielmehr krumm und nach der rechten Seite hinübergezogen.
»Na, Christian,« sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte, »wie seht Ihr wieder aus – wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl keine Arbeit thun können!«
»Ja, Sie spotten noch,« sagte Christian; »wenn Sie das Kreuz hätten...«
»Und ich tausche augenblicklich!« rief der Major, schon von dem Gedanken entrüstet, daß Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber. »Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann möchtet Ihr Euch gleich in Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich kann ja nicht ausgehen!«
»Ja, er käme gleich,« knurrte der Mann, »und ich glaubte, er wäre schon da; er ging mit mir zur Thür hinaus, und ich bin nur den Weg hieher gekrochen, ich konnte nicht mehr fort – da ist er auch schon.«
Draußen ging in der That die Saalthür auf, und es pochte gleich darauf an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des Majors, der »Rath Frühbach,« wie er in der Stadt genannt wurde, der mit einem sonoren: »Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute Morgen?« den Hut schon von draußen in der Hand, in das Eß-, Wohn- und Empfangszimmer eintrat.
Rath Frühbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die Erde gesetzt hat, um sich hier zu amüsiren, aber etwa in der Art, wie eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschöpfe nährt und dabei äußerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art, wenn er auch daheim über seinem Schreibtische einen Cavallerie-Säbel und eine Doppelflinte hangen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschäftigung auf der Welt war: seinen linken Arm auf den Rücken spazieren zu tragen und Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzählen. Von denen stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen, so entlud sich schon das Eine oder Andere über den nächsten, besten Unglücklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte sie ordentlich aus, und konnte in dieser Eigenschaft, besonders beschäftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, daß er sehr laut, aber sehr langsam sprach – er hatte immer Zeit –, und wo er einmal ein Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, daß er es festhielt und zu würdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschütteln. »Herr Rath« wurde er ebenfalls in der ganzen Stadt genannt, und seine Frau im natürlichen Weltlauf »Frau Räthin,« was sie den Dienstboten gleich beim Anzuge selber sagte. Was für ein Rath er aber sei, konnte Niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemühte sich Niemand deshalb. »Herr Rath« war außerdem kürzer als »Herr Frühbach.«
Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen Haus bot zu wenig Genüsse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt, also auch nicht gefürchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte, einzelne Spaziergänger überfiel und sich an sie hing, ja, Leuten, die ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rückte und ihnen so lange Geschichten erzählte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschützten, da fing es ihm an schwerer zu werden, Opfer für seine Anekdoten zu finden, und nun fiel ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hände. Damit war denn auch Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzählen hören, was auch immer, blieb sich gleich, ja er wußte oft nicht einmal, von was gesprochen wurde. Frühbach dagegen wünschte sich nur mitzutheilen, und die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte draußen der Liese Umschläge auf ihren Backen. Ein Topf mit Camillenthee kochte wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem häuslichen Herde des Majors.