Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt sagte er kopfschüttelnd: »Beweise? Nicht die blasse Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerüchte, die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, bestätigt. Neues ist nichts darin, als daß die Wartefrau in dem Wochenzimmer, während die Heßberger hinausging, allein zurückgeblieben, und hätten wir die Frau hier und könnten sie zum Reden bringen, so möchten wir allerdings Genaueres erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug als vorher.«

»Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mädchen wirklich umgebracht hätte?«

»So wäre das allerdings ein scheußliches Verbrechen,« sagte der Staatsanwalt, »ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo hätte dann in damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man würde davon gesprochen und es in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewiß mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau Heßberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrügerei die Hand geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, daß nicht einmal auf frischer That ein Beweis geführt werden konnte, wie viel weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.«

»Und dann erbt also in den nächsten Wochen der Lieutenant das ganze riesige Vermögen, und wir Anderen sind geleimt.«

»Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und kräftig genug sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, daß Sie mich mit der Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal darin vergebens auf den Trab gebracht.«

»Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen nachzuforschen!« rief der Major gereizt.

»Jawohl,« sagte Witte, »wenn wir selber die Möglichkeit einer Beweisführung einsehen oder irgend ein gegründeter Verdacht vorliegt, gewiß; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hörensagen und blinde Gerüchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung, Major!« Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und verließ das Haus.

5.
Beim Schlosser Baumann.

Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrot auf den Tisch gestellt: Kartoffeln in der Schale, kräftiges Schwarzbrot, Butter, Käse und ein Krug Bier dazu, denn Baumann arbeitete allerdings ganz tüchtig und war ein geschickter Mann, ließ sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas auf seinen inneren Menschen. Aber er duldete auch nicht, daß die Leute schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche Arbeit von ihnen, und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber zugriff, mußten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung sollten sie dazu in die Knochen haben, und dann hielten sie es auch mit Vergnügen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nüsse knacken wollten.

Nur auf seinen äußeren Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen, blauen Rock an und band sich eine etwas unbequeme, hohe Cravatte um; in der Woche aber ging er in Hemdsärmeln und mit dem Schurzfell und dazu ein schwarzes, kleines Käppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen mußte, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es schickte sich nicht für einen Meister, sagte sie, daß er wie ein Gesell umherlief, und er solle doch etwas mehr auf seine »Reputation« sehen. Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte: er sähe in seinem Schurzfell ein ganz Theil besser und anständiger aus, als sie selber mit ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr dürfe zu nahe kommen. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen, und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau vorwarf.