Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte für ihren Mann und ihre Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem Jüngsten, einem Mädchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber sie besaß einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf ihre Schönheit, so hübsch sie auch vielleicht in früheren Jahren gewesen sein mochte, aber auf ihr Aeußeres, auf ihre »Stellung« im Leben, und das Gefühl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch herunter bis zum Niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings zuweilen, ihr den »Dünkel«, wie er es nannte, auszutreiben, und argumentirte dann ganz einfach, daß sie nichts als schlichte Handwerker wären, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht würde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie sie behauptete, ein geachteter Bürger der Stadt, wenn auch nur ein Handwerker, der sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit verdiene: aber deshalb gerade könne sie nicht wie eine Tagelöhnersfrau in einer »schlampigen Fahne« umherlaufen, und »wenn dem Tischler Behrens seine Frau und dem Bäcker Gluck seine« in großen Crinolinen einherstolzirten, so möchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken würden, wenn sie »nur so« zwischen ihnen herum liefe.
Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur wie sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte er sie gründlich gleich von vorn herein. Er sagte nämlich kein Wort darüber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag, das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt heimlich hinten alles Ueberflüssige herunter. Gesprochen wurde auch darüber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid – denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider –, reparirte es wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in dieser Richtung auf.
Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich auf die Erziehung der Kinder, für die sie Alles anstrengte. Ein paar Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht, und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, daß er studiren und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren etwas kränkelte, entwickelte es sich doch später vortrefflich, und der Vater behauptete, daß sein Sohn nichts Anderes werden dürfe, als was der Vater gewesen: ein ehrlicher und tüchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, so könne er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei in jetziger Zeit der Anfang zu allen möglichen ehrenvollen Laufbahnen geworden.
Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in die Lehre, und der Erfolg bewies, daß der Vater recht gehabt. Er zeigte sich bald so außerordentlich fleißig und geschickt, daß ihn der alte Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich überließ, um etwas Tüchtiges aus ihm heranzubilden.
Der zweite Sohn, ein derber, prächtiger Junge, wurde ebenfalls Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth, kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch alle drei bei dem gewählten Beruf vortrefflich.
»Sag' einmal, Alte,« begann der Meister, während er mit seiner Frau, den Gesellen und einem Lehrling am Tisch saß und eben eine etwas heiße Kartoffel schälte – Fritz war gleichfalls herüber gekommen, hatte aber schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drüben nicht gab – »kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie näher?«
»Näher?« sagte die Frau kopfschüttelnd. »Woher soll ich die Leute näher kennen? Die Kinder haben früher oft mitsammen gespielt; ich bin aber nie zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?«
»O, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich eines Schlüssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob es Jungens oder Mädchens wären, und ob uns keines gestorben sei, und wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.«
»Ich kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für den Staatsanwalt zu thun haben.«
»Du kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?«