Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam; Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die Wohnung – die letztere sehr gewissenhaft angegeben – und war mit etwas schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben. Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur einfach einen Fünfthalerschein.

»Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche Handschrift auf der Adresse – und richtig, wieder mit einem Geldstück petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem Kopfe zu jagen!«

Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe, aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibpapier, mit Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf das Papier in die Ecke.

Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm – jetzt schon das zehnte oder zwölfte Mal – durch die Post, ohne irgend einen Werth auf der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der Fall, daß ihn Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln.

Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch, daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen, ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er dort auch kein Geld bekam.... – Er biß die Zähne auf einander und schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so schlimm.

Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wollte, kam aber noch nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau, sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei – möglicher Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel besser, sie vollständig zu ignoriren.

Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt, um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen. Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief dabei erröthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, daß es sie freute, ihren Tänzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen hätte, grüßte auf das verbindlichste.

Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres Säumen stellte.

»Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich sehe, sehr angenehm beschäftigt? Ja, mein lieber junger Freund – na, ich gehe ein Stück mit Ihnen hier hinunter, denn ich habe doch nichts zu versäumen – mein lieber junger Freund, was ich gleich sagen wollte – in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher Rauchwaarenhändler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine wunderhübsche Tochter, Rosine hieß sie – nein, warten Sie einmal, das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte – die Tochter von dem Rauchwaarenhändler – Herr Gott, fällt mir jetzt der Name nicht mehr ein – na, wenn sie das wüßte – aber es bleibt sich gleich, ich komme auch vielleicht noch darauf – aber es ist ärgerlich, wenn Einem so ein Name fehlt, und man quält sich manchmal einen Tag damit herum, ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Fräulein Therese – Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! – machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben – warum nicht? Ja, das war ein wunderhübsches Mädchen, und ich hätte eine ganz gute Speculation mit der Heirath gemacht.«

»Und warum heiratheten Sie sie nicht?« fragte von Wendelsheim, der nur mit halbem Ohr auf die Salbaderei hörte.