»Nöthig, ja, lieber Freund,« erwiederte Frühbach, sich ausnahmsweise einmal kurz und bündig fassend, »aber nicht baar.«
»Und können Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?«
»Ich wüßte nicht wo.«
»Dann leben Sie recht wohl,« nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich dabei ohne weitere Umstände von ihm frei machte und rechts ab in eine der Seitenstraßen bog. Rath Frühbach schien auch einen Moment nicht übel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewöhnlich ließ er seine Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei näherer Ueberlegung stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten geht man eher aus dem Wege, als daß man sie aufsucht.
Der junge Baron kümmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter, sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Käfterchen bestehend und mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter hätte denken können. Da standen alte Bettladen vor der Thür, mit schauerlichen, bunt gemalten Lithographien darüber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene Pulverhörner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan und Steingut friedlich neben eisernen Kochtöpfen und Stutzuhren, da lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kämme, Hosenträger und Gott weiß was Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhübsches Mädchen zuerst beim Tanze getragen, unechter Schmuck, Halsketten mit Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewöhnlich eine Tafel von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte, zerbrochene Cigarren verkünden sollten, daß auch dieser Geschäftszweig – und welcher nicht? – hier vertreten wäre.
Gleich daneben war ein Fleischerladen, nicht größer und nicht reinlicher oder heller als die Rumpelbuden, mit kleinen Papieren auf das Fleisch geheftet, auf welchen hebräische Zeichen standen. Auch die Aushängeschilder waren in dieser wie in deutscher Sprache, und entsetzlich schmutzige Kinder balgten sich auf der Gasse herum, oder wurden von genau solchen Müttern aus irgend einem in allen Regenbogenfarben schillernden Fenster des ersten Stocks zur Ordnung gerufen.
Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht, besonders wenn sich irgendwo ein Fenster öffnete, denn er wußte aus Erfahrung, daß die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr wählerisch in den Gegenständen waren, die sie zuweilen von oben herab auf die Straße schütteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in diese Umgebung allerdings nicht paßte, schien hier nicht die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, daß sich sehr anständig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren gebrauchen konnten, wurde doch manches »Geschäft« mit den Eigenthümern derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, daß sie auf Uhren oder sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen in das städtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedürfnissen hier ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas größeren Opfern, abzuhelfen.
Das aber galt doch nur für kleine, unbedeutende Verlegenheiten, wenigstens für solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von Wendelsheim brauchte aber mehr, und kannte auch genau die Quelle, zu der er gehen mußte. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn gerade dem Manne gegenüber fühlte er sich unbehaglich, gerade diese Schwelle hätte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr überschritten, wie er es früher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben wäre; aber es half ihm nichts, er mußte.
Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat dieser Bevölkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Straße, und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter. Die Namen der Schilder gehörten allerdings noch ganz entschieden israelitischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen Goldmeier und Levy, einen Süß und Rosenstengel, aber die Läden wurden eleganter und die Häuser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Da waren Ausschnittläden und Materialwaaren-Handlungen, rechts stand eine Druckerei und gegenüber wohnte ein Geldwechsler, aber ein Geschäft betrieb jedes Haus, und die unteren Räume nahm bei allen ein oder das andere Verkaufslocal ein. Der junge Officier schritt aber immer noch hindurch, bis er fast das Ende der Straße erreichte, und dort erst betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des gewöhnlichen Lebens beschäftigte.
Es war ein großes Kreuzgewölbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler in der Mitte, und sah allerdings so aus, als ob es weit eher zu dem Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepaßt hätte. Der Hintergrund blieb auch düster, obgleich ihm vorn zwei hohe Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen gefüllt, die der Umgebung allerdings entsprachen und fast sämmtlich vergangenen Jahrhunderten zugehören mußten. Da waren alte, wunderlich geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte Kasten, riesige, echt beschlagene Trinkhörner, kostbare, aber ebenfalls alterthümliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte Meerschaumpfeifenköpfe, Bernsteinspitzen vom größten Umfange; dann Rüstungsstücke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstöcke mit mächtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde, von allen Völkern hier versammelt schien.