»Ich will es versuchen,« hauchte das schöne Mädchen leise und schritt zum Flügel, den sie öffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja täglich durchgespielt.

Bruno war ganz tüchtig auf dem Instrument und begleitete besonders vortrefflich, und das Mädchen sang dazu mit einer so vollen und so glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck in den Tönen, daß es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern drang und er genau aufpassen mußte, um nicht selber aus dem Tact zu kommen.

Die Mutter stand dabei, die Hände gefaltet, und war glücklich. Plötzlich sprang Wendelsheim in die Höhe.

»Rebekka,« sagte er, »Ihre Töne dringen durch Mark und Bein, und es ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reißen könnten. Mädchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?«

»Ach, ich mußte mich heute so zusammennehmen,« sagte Rebekka schüchtern, »ich hatte solche Angst!«

»Angst – und wozu Angst?« sagte die Mutter. »Der Herr Baron weiß, wie Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren – und vor keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, daß Sie der Einzige sind, vor dem sie überhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schön, da macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange quälen, geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.«

»Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter,« sagte das junge Mädchen tief erröthend.

»Ob Du nicht kannst,« rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, »ob Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hören, Herr Baron, wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, daß mir alten Frau manchmal die Thränen aus den Augen laufen.«

»Du lieber Himmel,« sagte Rebekka seufzend, »wir leben hier gar so einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel draußen auf den Zweigen sein Lied unbekümmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es gerade herauskommt, so singe auch ich – aber nicht besser, Mütterchen, gewiß nicht besser.«

Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefühlt. Er war sich bewußt, was ihn heute eigentlich hieher geführt – in welche gedrückte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wäre nicht im Stand gewesen, zu dem Mädchen heute von Geld zu sprechen und ihr Fürwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das schale Garnisonleben, seine Umgebung und tägliche Gesellschaft betäubt und unterdrückt gehalten worden, erwachte heute mit voller und vielleicht nie geahnter Stärke, und gute, ernstgemeinte Vorsätze für sein künftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor. Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: »Dann muß ich Ihnen um so viel dankbarer sein, Rebekka, daß Sie gerade in meiner Gegenwart die Scheu ablegen. Sie haben mich recht glücklich damit gemacht, und die Erinnerung an diese Zeit wird immer – so lange ich noch lebe – mir die schönste und liebste sein.«