Dort, gleich rechts über der Mauer nämlich, und nur durch wenige Gärten oder offene Hofplätze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebäude der eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit hohen Giebeln und rauchgeschwärzten Dächern; aber ordentlich Gespenstern glichen die schmalen, fest in einander gedrängten Häuser mit den leeren, düsteren Augen, die überall hinausstarrten. Da war kein einziges fast mit ganzem Rahmen oder Glas, keine weiße Gardine zeigte auch nur an einem Punkt, daß dort gesittete Menschen hausten – schmutzige Lappen und Tücher, alte, wüst aussehende Kleidungsstücke hingen überall heraus, der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im Innern herrschen mußte.

Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch früher wohl oft staunend und kopfschüttelnd zu jenen Höhlen hinübergeschaut, die ja doch ebenfalls das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl und glücklich fühlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hölle dahinter auch nur zu sehen, über die Blumen, über die rauchverbrannten Häuser wie über eine Leere hin.

Sein Ehrenwort! – er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben – es war den Leuten gegenüber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine Prahlerei gewesen, und die Folgen der Nichterfüllung konnte er noch nicht übersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen, als die Trennung von dem Mädchen, das heute, erregt wie er war, einen nie geahnten Einfluß auf ihn ausgeübt. Und was durfte sie ihm je sein? Sie, die Tochter des alten Salomon, eine Jüdin – er, der Sohn eines der adelstolzesten Häuser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine Rücksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er denken konnte, rauh und abstoßend behandelt? – Er faßte die fieberheiße Stirn mit den Händen. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn zuckten, machten ihn fast schwindeln.

»Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron?« sagte eine weiche Stimme an seiner Seite. »Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«

»Ja, Kind, mit ein paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater neulich auf der Auction gekauft hat.«

»Ich danke Ihnen, Rebekka,« sagte der junge Mann freundlich; »es war nur – ein heftiger Schmerz, der mir durch die Schläfe zuckte – es ist schon vorüber.«

»Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt,« lächelte das junge Mädchen – »Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann spielen Sie mir noch einige von den Mendelssohn'schen Liedern; es giebt für mich nichts Schöneres auf der Welt. Das wird Sie auch ein wenig zerstreuen,« setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer.

»Armes Kind,« sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem Kopfe nickte – »jetzt ist sie noch so jung und heiter, und kennt keine Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die Thür klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was man will!«

»Gott möge sie ewig fern von ihr halten!« sagte Bruno viel weicher, als er sonst wohl dachte und fühlte, denn unwillkürlich traf ihn der Gedanke, daß er selber die Ursache sein könne, welche die erste Thräne in des Mädchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust einziehen ließ.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« rief da die Frau, deren Gedanken rasch einen andern Flug nahmen, »Sie haben ein so gutes und weiches Herz und sind so ein braver Mensch, und tragen doch immer an Ihrer Seite einen langen spitzen Degen, um Menschen damit todtzustechen – Gott der Gerechte, wenn ich mir denken müßte, wo so eine Klinge in den Leib geht!«