»Wär' mir auch nicht lieb,« nickte der Alte, indem er den rasch geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschloß. »Und jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf die Straße, vorn ist zu.«
»Mein lieber, braver Salomon!«
»Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!«
Und der alte Mann drängte ihn selber hinaus auf die Straße; dann ging er zurück in den Laden, schloß den Geldschrank und schob den Schlüssel in die Tasche, löschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gott, heiß und brünstig.
8.
Der Familienball.
Am Mittwoch Abend war große Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte, allerdings nicht zu dessen eigenem Vergnügen, denn er haßte nichts mehr auf der Welt – einen schlechten Proceß ausgenommen –, als derlei sogenannte Vergnügungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewünscht, daß sie das Ganze in einem Hotel arrangiren möchten, wo sich nicht allein passendere Räumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf eingerichtet waren, und er dann Abends, nach überstandenem Genusse, augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurückkehren konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr – und das vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war zur Bedienung in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er wurde jedoch im Familienrath überstimmt, denn Frau wie Tochter hatten es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den eigenen Räumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschränkt waren.
Ein Hotel – dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter vom Hause. Man bewegte sich in fremden Sälen genau so, als ob man wo anders zu Gaste gewesen wäre, und viele der Eingeladenen wurden sich am Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdankten: dem, der die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, für den er das nur besorgt hatte; ja, es konnte eben so gut eine »Actien-Gesellschaft« sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten einmal »abzufüttern.« Da lieber nicht – die Frau Staatsanwalt erklärte, daß sie ihrem Manne »den Gefallen gethan habe,« die Freunde zu sich zu bitten (sie hatte ihn nämlich bis auf's Blut gequält und immer wieder erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehöre, und nicht halb und stückweise.
Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt, kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause, und hatte dafür das Vergnügen, daß ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Möbeln vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen Nebenpiècen ausgeräumt werden mußten, um Platz für Seitentische und den Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete thörichter Weise, daß er zu seinen Bücher-Regalen freien Zugang haben müsse, weil er nicht wissen könne, welches er gerade brauche; aber was half es ihm! Seine Frau bewies ihm, daß die Sache nicht anders zu arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun müsse er auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fügte er sich deshalb in das Unvermeidliche.
Witte's Unglück war, daß seine Frau für den Adel schwärmte. Sie behauptete selber, im vierten oder fünften Zweig ihres Stammbaumes aus einer edlen Familie abzuleiten, aus welcher eine ihrer Vormütter – Gott vergebe es ihr – einmal eine Mesalliance gemacht. Für sie hatte denn auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen Stunden selber nicht, weshalb sie einen Bürgerlichen geheirathet hatte. Witte mußte jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen sein, und an der Sache war auch überhaupt nichts mehr zu ändern. Aber sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel auf, und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzuführen, aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise ausgetreten, das heißt, sie an einen Baron zu verheirathen.
Die eingeladenen Gäste gehörten deshalb auch vorzugsweise diesem Stande an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige bürgerliche Appellations-, Gerichts- und Justizräthe wie mehrere Collegen Witte's mit ihren Familien zu laden; aber adelige Namen, mit dem »von« jedesmal deutlich ausgeschrieben, glänzten hauptsächlich auf ihrer Liste, zu der sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden, den alten Major von Halsen und Frau von Bleßheim hinzuzufügen. Sie brauchte Tänzer, also nicht den Major; aber der Major spielte vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte für den Abend ausersehen.