Daß Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst. Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den Verdacht des Majors für zu vage erklärte, um ihm besonders viel Glauben zu schenken, war er doch in etwas mißtrauisch geworden und wollte eine nähere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber Gott, er hätte eben so gut von seiner Frau verlangen können, an dem Abend des Balls in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit Entrüstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten, und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln.

In der Ausschmückung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war wirklich das Aeußerste geleistet, und die Zimmer sahen in der That gar nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung gehörten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf seiner alten Stelle, und der Secretär mit der Commode friedlich in der Waschküche, während wieder Chiffonièren und Schränke einen Platz auf dem Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen. Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben, und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des sonst gewohnten Lagers an der nämlichen Stelle einen wahren Berg von Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshöhe aufgeschichtet lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stieß er aus, arbeitete sich dann zwischen den beiden Nähtischen seiner Frau und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen, zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die gewünschte Operation und gelangte nach einiger Mühe wieder in's Freie und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte sich zu bewegen.

Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu ziehen, ja, er mußte im Gegentheil lächeln und sehr liebenswürdig sein, denn die ersten Gäste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht fertig geworden – Damen werden das überhaupt selten. Sie hatte aber freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu thun und anzuordnen gehabt, daß ihr nicht ein Moment für sich selber blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung im Hause denken, und so 'was passirte ihr nicht wieder, so lange sie ein Wort da hinein zu reden hätte.

Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den hellerleuchteten, ja, von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat und nun nichts mehr hörte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe und süß gelispelte Begrüßungsformeln, zwischen welche sich melodisch manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Säbelscheide mischte.

Im Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich geräumigen Gemächer, von geputzten, fröhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und Alles schien sich außerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und mehr trafen ein – es waren doch, wie das ja oft geschieht, etwas mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei ebenfalls nicht so groß, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es mußte gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und es hatte später einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen Lichter noch vermehrt, eine drückende Schwüle in den Räumen, so daß die Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geöffnet werden mußten, wonach sich wieder einige alte Herren und Damen über Zug beklagten. Allen Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge Volk bedeutend in der Majorität befand, setzte es seinen Willen durch.

Der Staatsanwalt hatte aber auch für sich etwas durchgesetzt, und zwar auf sehr schlaue Weise, nämlich ein Spielzimmer, das zugleich zum »Rauch-Coupé« dienen sollte. Dagegen – gegen das Rauchen nämlich – hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Händen und Füßen gesträubt, obgleich sich ein vollkommen passendes Stübchen am Ende der Wohnung befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken zu dienen und von ihr in Anspruch genommen werden konnte. Das Stübchen war dabei nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann lange deshalb gequält, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu einem, wie sie sagte, »anständigen« Fremdenstübchen herrichten konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Gründen nie darauf eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu erfüllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt würde, und wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer Tapete überklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nöthigen Karten und Marken, und – Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten ausgesuchter Havannah-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig entgegen; er wußte einen Platz, wo er untertreten konnte.

In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber man stand zu gedrängt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mußte sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von selber.

Wenn ein Schiff, zum Ueberlaufen mit Passagieren besetzt, in See geht, so glaubt man anfangs gar nicht, daß alle die Leute mit ihren zahllosen Koffern und Kisten ein Unterkommen darauf finden können; aber kaum einmal eine kurze Zeit in See, und sie werden so in einander geschüttelt, daß noch viel mehr darauf Platz gefunden hätten. Genau so ist es in Gesellschaft. Anfangs stehen sich die Leute alle im Wege und getrauen sich gar nicht, da oder dort hinüber zu rücken. Aber das dauert nicht lange, da gewinnen auch die Blödesten ihre freie Bewegung wieder, und nur erst einmal in Bewegung, und die Masse vertheilt sich aus eigenem Antrieb bald so zweckmäßig, daß sie sogar noch Raum für die hin und her gehenden Diener läßt.

Das Militär war besonders zahlreich vertreten, vorzüglich der Stand der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und außerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, während ein Major nur in Ausnahmefällen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht gerade in der Stimmung fühlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft beizuwohnen, mochte er auch nicht unhöflich gegen eine Familie erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So leichtherzig, ja man könnte sagen, leichtfertig er sich aber auch sonst bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurückgezogen hielt er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getümmel des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der freundlichen Wirthin selber, die auch über diese Aufmerksamkeit entzückt schien und ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit überschüttete.

Aber das junge Volk ließ nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerüst war für die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche, der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton derselben wirkte wie ein Zauber auf die Tanznerven der Gesellschaft.