Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flüstern und zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoßenen Ruf: »Musik!« so daß man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache interessirt war und gewissermaßen als Vice-Hausfrau fungirte, so wußte sie die Musici bald auf die Tribüne zu bringen, und erst einmal dort, verstand es sich von selbst, daß sie ihre Instrumente in Thätigkeit setzten.
Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, daß der Tanz erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung an einem so heißen Abend. Die Leidenschaft siegte, und während der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft für das Rauch-Coupé zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafür sorgte, daß ein wenig mehr Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen.
Wendelsheim hatte dabei schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an Paar schloß sich dem lustigen Reigen an, während es der Staatsanwalt dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So gern nämlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu häufig den Aberglauben dabei, daß sie sich müssen dazu nöthigen lassen, um nachher zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, während er sich selber für das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling engagirte, noch eine Whist- und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich dann noch etwa zehn oder zwölf ältere Herren der Hitze und dem Gewirr der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemüthlichkeit dem Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu rauchen. Sie hätten es sich nicht besser wünschen können.
Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und vergaß merkwürdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische saß, seine ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten stöhnte und jammerte er den ganzen Tag bald über dies, bald über das, was ihn im Körper quälte und peinigte. Jetzt stöhnte er allerdings auch – denn das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es eben nicht mehr lassen –, aber keineswegs über irgend ein Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein über schlechte Karten, die er, wie er äußerte, immer unter der Würde bekam. Außerdem aber verläugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte sehr gut, und man ließ es sich deshalb gefallen.
So hatten die Herren, während im Saale schon flott getanzt wurde, ein paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal hinüberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, daß gegessen werden könne und die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen möchten. Sie öffnete auch vollkommen athemlos die Thür, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in höchst unbestimmten Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte.
»Herr Du meine Güte!« rief sie ordentlich erschreckt aus. »Dietrich, wo bist Du denn?«
»Hier, mein Kind,« sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Höhe zu steigen schien.
»Aber weshalb, um Gottes willen, öffnen Sie denn kein Fenster? – ich begreife gar nicht, daß Sie noch im Stand sind, die Karten zu sehen!«
»Das hätten wir allerdings thun können,« lächelte der Staatsanwalt verlegen, »aber wir waren so in unser Spiel vertieft....«
»Und dürft' ich die Herren bitten, hinüber zum Essen zu kommen – es ist Alles bereit.«