»Sehr wohl, gnädige Frau! – Den Augenblick! – Letztes Spiel!« und mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, während die Frau Staatsanwalt scheu wieder zurückwich und die Thür hinter sich schloß, denn in der Atmosphäre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch hätte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt.
Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm auch einmal erwähnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren, auch die Fenster geöffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinüber in den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch, als der Major den Staatsanwalt unter den Arm faßte und etwas mit sich bei Seite führte.
»Wissen Sie, Staatsanwalt, daß ich wieder auf einer neuen Spur bin?« sagte er dabei leise.
»Spur? Wohin?« sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte, das er mit den brillantesten Karten verloren.
»Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.«
»Mein lieber Herr Major,« erwiederte der Jurist, »ich fürchte, Sie geben sich, mit anerkennenswerther Thätigkeit, da ganz vergebene Mühe; denn Sie werden zuletzt finden, daß Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf der alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar, sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtgründe und vage Vermuthungen, und damit dürfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir einen haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann überlassen Sie das Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in diesem Augenblick mein Gast ist.«
»Hol' ihn der Teufel!« knurrte der Major. »Er ist so wenig ein Baron von Wendelsheim, wie Sie und ich....«
»Wollen wir nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet zu haben.«
»Und ich setz' es doch durch,« sagte der Major, der, störrisch wie viele alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. »Ich bin kein Advocat, aber ich wollte, ich wäre einer geworden; denn wenn irgend ein Haken an der Sache zu finden ist, ich finde ihn, Staatsanwalt, ich finde ihn – soll mich der Teufel holen!«
Der Staatsanwalt war froh, daß er Gelegenheit bekam, sich von der ihm lästig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der Zug der in die Eßzimmer strömenden Menschen jedes weitere Gespräch, denn das wogte nur so herüber und hinüber und erforderte die ganze Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz, sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde, wobei sich das junge Volk besonders gut amüsirte, wenn es ein wenig herüber und hinüber gestoßen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den Gängen hin und wieder schießen, um die verschiedenen Speisen herum zu reichen.