Ottilie war glücklich heute Abend – Lieutenant von Wendelsheim, den sie aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, während er sonst gar nicht genug erzählen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschließlich den ganzen Abend durch mit ihr beschäftigt und sie dann natürlich auch zu Tisch geführt. Sie saß jetzt neben ihm und mußte sich gestehen, daß ihm der Ernst viel besser stand, als das frühere, etwas fahrige Wesen. Ein wenig galanter freilich hätte er schon sein können, und sie erinnerte sich nicht, daß er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame Worte über ihre gewiß brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber – das fiel ihr eigentlich jetzt erst auf – schien er ganz vergessen zu haben, ihr seine Bemerkungen über den Putz anderer Damen, worüber sie sich sonst so amüsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen; Ottilie mußte ihn erst daran erinnern, und dann wußte er so gut als gar nichts über ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wäre, heraus zu bekommen, was eine solche Veränderung bei ihm hervorgebracht – es wäre so interessant gewesen!

Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militär gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant, und dieser wußte in der That, über was er sich unterhalten sollte, denn er ließ das Gespräch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen Augenblick stocken.

»Sage Ihnen, mein gnädiges Fräulein,« schnarrte er, »pompös heut' Abend, auf Ehre – wüßte nicht, wann mich so trefflich amüsirt hätte – à propos, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts – genau so, wie Kolibri auf Klatschrose!« und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth auch dadurch ein paarmal ziemlich in Verlegenheit, denn eine Verwandte gerade jener etwas auffällig gekleideten Professorin saß gar nicht so weit von ihnen entfernt und hätte eigentlich das Ganze hören können, und ihr vis-à-vis war mit der Dame ebenfalls bekannt. Der Sohn des Mars schien aber einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und überfluthete seine beiden schönen Nachbarinnen unaufhörlich bald mit solchen ziemlich rücksichtslosen Beobachtungen, bald mit den überschwänglichsten Schmeicheleien.

»Sagen Sie, Herr Lieutenant,« wandte sich endlich Ottilie, als sie nur einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war entschlossen, in der Sache etwas klarer zu sehen, »weshalb sind Sie eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder – noch schlimmer – langweilen Sie sich?«

»Aber, mein gnädiges Fräulein, das ist ungerecht von Ihnen,« sagte Wendelsheim freundlich, »mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf zu machen, denn es wäre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite der Fall sein könnte.«

»Also fehlt Ihnen etwas?« sagte Ottilie leicht erröthend, denn das Wort »Ihrer« war mit besonderer Betonung gesprochen worden.

»Auch das nicht,« lächelte Wendelsheim ausweichend. »Wie wäre das auch möglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberfluß.«

»So meinte ich es nicht,« sagte Ottilie, die fest entschlossen schien, ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. »Fühlen Sie sich vielleicht nicht wohl, oder drückt Sie ein geheimer Kummer?«

»Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, daß ich in den Verdacht kommen konnte?« fragte der Lieutenant.

»Ungeschickt? O, gewiß nicht, Herr von Wendelsheim!« sagte Ottilie rasch. »Aber ich weiß nicht, der Ausdruck in Ihren Zügen kam mir so – wie soll ich nur sagen – so gedrückt, so wehmüthig vor, und ein paarmal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so düster vor sich nieder. Sie haben doch sicher und gewiß keine Ursache, traurig zu sein?«