»Und woher wissen Sie das, mein gnädiges Fräulein?« sagte Wendelsheim, indem er ihr so voll in die Augen sah, daß sie die ihrigen verwirrt abwandte. »Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er trägt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis er einsieht, daß Alles, was er bis dahin für ein Unglück gehalten, der Vorbote seines Glückes gewesen...«
Ottilie erröthete tief. »Ich will gewiß wünschen,« sagte sie endlich, »daß das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber weg.«
»Glückliche Menschen,« sagte Wendelsheim, »weil sie ihre eigene Unbedeutendheit nicht fühlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntniß kämen, wäre es vorbei – gerade wie bei mir.«
»Also das wäre Ihr Kummer?« lächelte Ottilie. »Da ist es doch ein wahres Sprichwort, wenn man sagt: »Wer keine Sorgen hat, macht sich welche, oder er ist nicht zufrieden.«
»Ah, reden Sie von Sorgen?« fiel hier der unverwüstliche Nachbar ein, der das Wort aufgefangen haben mußte. »Famoser Gedanke das, hier bei diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten wohl meinem Kameraden da drüben eine kleine moralische Vorlesung? Sehr liebenswürdig, meine Gnädige, denn ich fürchte fast, er kann sie nothwendig gebrauchen.«
»Ich dürfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?« lächelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte.
»Bitte unterthänigst, meine Gnädige,« sagte abwehrend der junge Officier – »kriegen Nasen genug auch ohne das – auf Ehre! Wäre auch rein weggeworfene Müh' – gründlich verloren gegangene Zerknirschung verduftet, vollständig verduftet, und nichts übrig geblieben, als namenlose Seligkeit und Verzückung – auf Ehre! Schwimme in einem wahren Taumel von Wonne, und wäre grausam, daraus zu wecken!«
Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein vernünftiges, das fühlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin sich, vielleicht ebenfalls des Geschwätzes müde, zur andern Seite gewandt hatte, so blieb ihr, als Tochter vom Hause, nichts weiter übrig, als ihn artig anzuhören.
So verging die kurze, einer leiblichen Stärkung gewidmete Zeit, denn die jungen Damen, die überhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger älterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien zu – wo das irgend unbemerkt geschehen konnte –, doch so bald als möglich nur die Tafel aufzuheben.
Ottilie zögerte noch, denn sie wußte nicht, ob es ihrem Vater recht wäre, der solche Gelegenheiten selten und nur höchst ungern zu kurz abbrach. Die jungen Dämchen, überhaupt erfinderisch in solchen Dingen, wußten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat bewährte. Eine von ihnen flüsterte nämlich dem nächsten Lohndiener, bei dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern, einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verführerischen Töne, als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ältere Theil derselben sträubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Füße den Tact zu der so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertönte das verrätherische und zündende Geräusch eines heimlich gerückten Stuhles. Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel noch etwas zu verlängern – er wollte einen Toast ausbringen, räusperte sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurückschob, war es, als ob ein Funke in ein Pulverfaß geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer in der Hand, aber von allen Seiten preßten die jungen Damen auf ihn ein und wünschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drückten ihm die Hand. Es war eben nichts zu machen, er mußte es aufgeben und trat mit dem demüthigenden Gefühl zurück, sich an seinem eigenen Tisch nicht einmal satt gegessen zu haben.