Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militär wie Civil, griffen selber mit zu, um die Tische und Stühle bei Seite zu schaffen, das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, daß es nicht mit in die Verwirrung hineingerieth, und in unglaublich kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit hergestellt, daß die Paare zum neuen Tanze antreten konnten.
Das war aber auch das Signal für die älteren Herren gewesen, sich wieder zu einer Tasse Kaffee und Cigarre in das kleine Hinterstübchen zurückzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn daß das junge Volk davon nicht so bald müde werden würde, ließ sich voraussehen.
Dort in dem Stübchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen würden, sämmtliche Fenster ebenso wie die Thür zu öffnen, damit der Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt würde. Das war auch in der That gründlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch entstand, hatte sämmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter einander geworfen, so daß es einige Mühe kostete, um sie wieder in Ordnung und spielfähig zu bekommen.
Als Witte noch einmal zur Küche zurückging, um von dort einen der dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die Karten auflesen konnte, hörte er von da her ein schallendes Gelächter und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher Heßberger mitten in der Küche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt.
»Bitte tausendmal um Escüse, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte der Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde, und machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, »daß Sie uns hier in einer kleinen Conservation treffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' für das unterthänigste Fräulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime Staatsanwalt, ich möchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl leeren, und das wollten mit Dank begründen....«
»Schon gut, Heßberger,« sagte der Staatsanwalt; »haltet mir nur hier die Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun. Franz, springen Sie einmal hinüber in's Spielzimmer und suchen Sie die heruntergewehten Karten mit auf!« Damit drehte er sich ab und schritt dem kleinen Zimmer wieder zu.
Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natürlich zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie war dann von ein paar anderen Herren zu den nächsten Tänzen engagirt worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf einen der Stühle zurückzuziehen und dem Vergnügen eine Weile ausruhend zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber große Freude daran zu finden.
Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorüber, und ein freundliches Lächeln glitt über ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte – er war wirklich zu liebenswürdig! Und doch, welch andere Gedanken zuckten ihm durch den Sinn! »Merkwürdig,« dachte er, als sie, noch immer lächelnd, im Tanze ihr Gesicht so drehte, daß er das Profil zu sehen bekam, ob sie nicht Aehnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das reizende Grübchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so zart und weiß, das Haar nicht so üppig und natürlich gelockt. Er konnte sich nicht helfen: sein Blick mußte sie immer und immer wieder suchen, und so vertieft war er in den Gedanken, daß er nicht einmal bemerkte, wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde. Er vergaß sich selber, und die Gedanken flogen hinüber zu dem kleinen sonnigen Stübchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner Sängerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen.
Wie aus einem wachen Traum fuhr er auch empor, als er plötzlich seinen Namen genannt hörte und Ottilie vor sich sah, die ihm lächelnd und erröthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und die Damen forderten ihre Tänzer selber auf. Was er sprach – er wußte es selber nicht; er fühlte wohl, daß er blutroth dabei wurde, aber ein verlegener Lieutenant ist schon an und für sich interessant, und Ottilie führte ihre Beute im Triumph den Reihen zu.
Es war spät geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen Variationen über eine Stunde dauerte, näherte sich seinem Ende. Aeltere Damen, die als Ehrengarde mit ihren Töchtern oder Nichten hergekommen und in irgend einer Ecke, »des langen Harrens müde,« sanft entschlummert waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen wollte, mit einem »Gott sei Dank – beinah' wär' ich eingeschlafen!« zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch die Spielpartie war bei so vorgerückter Zeit aufgebrochen, obgleich sie keine Störung von der Frau Staatsanwalt mehr zu fürchten brauchte.