Draußen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren Mantillen, und junge Herren drückten mit Lichtern umherwartenden Dienstmädchen warm getanzte Zehngroschenstücke in die Hände. Jetzt verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschäftigt, empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war dabei so herzlich und unbefangen, und drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand, und schüttelte die des Staatsanwalts selber so ausnehmend dankbar, und küßte die Ottiliens so zart und ehrfurchtsvoll – es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied genommen hätte. Wie er aber das Haus verließ, huschte Ottilie, ihrer fast unbewußt, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Straße erkennen könne. Dort kam er – er ging quer über den Weg – ob er wohl noch einmal stehen blieb und heraufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege – er schaute sich gewiß nach den erleuchteten Fenstern um und suchte sie. Jetzt blitzte etwas – es war ein Funken, der stärker zu glimmen anfing. Ottilie ließ enttäuscht die Gardine fallen – er zündete sich eine Cigarre an. – Das abscheuliche Rauchen!
9.
Am andern Morgen.
Am nächsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel früher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend erduldeten Festes mußten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet werden – und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart.
Hauptursache des so frühen Alarmirens war natürlich die Nothwendigkeit, das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der übliche Besuch an dem Morgen kam, und wenn der müde Hausvater auch meinte: »Der Besuch solle zum Teufel gehen,« so wußte seine Frau doch besser, was sich schicke, und handelte danach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr früh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Möbel wieder an ihre alten Plätze zu schaffen; zu gleicher Zeit mußten die sämmtlichen Stuben natürlich – ohne Ausnahme – naß aufgewischt und wo nöthig gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon seit sechs Uhr früh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene, nasse Schürzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die Familienverhältnisse ihrer Bekanntschaft besprachen.
Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewußt, ja es sogar als Schreckbild – freilich vergeblich – seiner Ehehälfte schon früher vorgehalten und gewissermaßen prophezeit. Was er aber nicht gewußt hatte, das waren die »unvorhergesehenen Fälle,« die bei derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben.
Vier silberne Löffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz in der Hand hielt. Außerdem war ein Stück aus einer der guten Porzellanschüsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen, drei englische Gläser lagen ohne Fuß auf dem Küchentische, und die Fruchtschale von Krystall – ein Leibstück der Frau Staatsanwalt, denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr bekommen – war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick auseinandergehen.
Außerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber herausgegeben, gezählt und aufgeschrieben, und wenn sie getrunken worden wären, wie das freche Geschöpf, die Köchin, behauptete, so hätten doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein müssen. Aber Gott bewahre – keine Spur davon, und sie wußte wohl, wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paarmal im Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoßen, den sein Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte.
Und was nun außerdem von eßbaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie darauf nehmen, daß die Nußtorte zum Beispiel zur großen Hälfte noch vom Tisch abgetragen sei, und jetzt lagen nur noch zwei dünne Stücke auf dem Porzellanteller – und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben.
Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefühl der Entrüstung über den Silberdieb und der gänzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben habhaft werden sollte – denn wer unter all' den fremden Dienstleuten war es gewesen?
Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch und schlummerte sanft, trotzdem daß die Nebenstube schon unter Wasser gesetzt war und die Thür eben abgescheuert wurde. Sein Morgengruß lautete: