»Weißt Du's schon, Dietrich? – vier silberne Eßlöffel und den Deckel zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die große gute Schüssel ist zerbrochen und die Krystallvase – vier englische Gläser und die Teller habe ich noch nicht einmal gezählt; die Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdächtig, wenn die nur nicht auch 'was gekriegt hat!«
»Gott sei mir gnädig,« sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch schlaftrunken, im Bett emporrichtete, »der Tag fängt gut an! Aber – scheuern sie denn hier die Schlafstube?«
»Nein, das ist nebenan – denke Dir nur...«
»Ich will Dir etwas sagen, Therese,« unterbrach sie der Staatsanwalt, indem er nach der neben seinem Bett liegenden Uhr sah und dazu mit dem Kopf schüttelte, »wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst, so sei so gut und laß mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe...«
»Ja, Kaffee,« sagte die Frau, »wir haben noch gar kein Feuer in der Küche – das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und muß doch erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Eßlöffel fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie denn da?«
Der Staatsanwalt erwiederte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn wenigstens gestattete, sich unbelästigt ankleiden zu können. Durch die Thür rief sie ihm aber noch zu:
»Zieh' Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mußt unverweilt auf die Polizei und die Anzeige machen – so 'was ist ja noch gar nicht erlebt worden!«
»Das ist recht,« murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte: »Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee, Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nähtischen verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen – na, an das Vergnügen will ich denken!«
Der Ausgang auf die Polizei diente übrigens doch als Rettung aus diesem Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er, nachdem er sich angezogen, in das nächste Hotel und trank dort im Speisesaale, bei offenen Thüren und Fenstern, wobei alle Stühle auf den Tischen standen und zwei Stubenmädchen einen furchtbaren Staub mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, daß die Polizei eben so wenig über den Diebstahl herausbekommen würde, wie er selber, und nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre – was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort fing ihn Rath Frühbach ab und erzählte ihm sehr interessante Geschichten: eine von einem Gummischuh, den er einmal nicht anbekommen hatte, aber nachher doch noch – von seinem Zusammentreffen mit dem früheren Handelsminister, der so geheimnißvoll gethan hatte, daß er gleich merkte, es müsse etwas vorgefallen sein – von einer berühmten Sängerin, mit welcher er einmal zufällig in einer Droschke vom Bahnhofe gefahren – von seinem Schneider, den er abgeschafft und wieder angenommen hätte, und noch mehrere andere Erlebnisse, bis der Staatsanwalt endlich aus blanker Verzweiflung eine Droschke anrief und irgend ein Haus in einer entfernten Straße nannte, nur um Ruhe für seine Gehörwerkzeuge zu bekommen.
In seiner Wohnung herrschte indessen die Thätigkeit eines Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tüchtig und erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein Puppenstübchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle – die Studirstube ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saßen indessen schon wieder auf ihren Drehstühlen und copirten und excerpirten nach Herzenslust.