So war es zwölf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der gestrige Ball gut bekommen wäre. Bei den Meisten war dies auch nur eine leere Höflichkeitsform, aber es füllte doch die Zeit aus, und das ist bei vielen Menschen schon von großem Werth. Die Unterhaltung der Frau Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschließlich um das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und silberne Löffel und Zuckerbüchsendeckel insbesondere, daß Ottilie, der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jüngeren Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm – nur die Herren wurden bei Mama empfangen.
Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den Verlust dreier Theelöffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse an der Sache und so tiefe Entrüstung, daß sie die Frau Staatsanwalt, als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die Angelegenheit noch einmal von vorn und gründlich durchnahm.
Ottilie war allein im Zimmer, als sie hörte, wie das Mädchen einen neuen Besuch brachte. Es war ein männlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein wenig – Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar so lange auf sich warten lassen; als sie sich aber der Thür zuwandte, erschien nicht der Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er den Thermometer in der Hand, den er schon vor einiger Zeit zur Reparatur erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, daß er heute anders aussah als gewöhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern, sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand.
Fritz Baumann war überhaupt ein ganz hübscher Bursche – oder Bursche konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mußte die Zwanzig schon lange überschritten haben. Sein gutmüthiges, offenes Gesicht mit den klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick für ihn ein, und der kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Männliches. Auch seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und ungezwungen – wenigstens wenn er draußen und unter seines Gleichen war. Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz vergessen habe, daß er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle, denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einführung. Ottilie half ihm darüber hin.
»Ah, Herr Baumann,« sagte sie freundlich, »Sie bringen mir den Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn – Vater hat schon ein paarmal danach gefragt.«
»Ja, mein Fräulein,« sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; »er war gestern schon fertig, da ich aber hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, wollte ich nicht stören.«
»Und Sie bemühen sich dabei immer selber.«
»Und soll ich das nicht?« sagte Fritz herzlich. »Wie selten wird mir überhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich möchte doch so gern, daß Sie nicht vergäßen, wie wir als Kinder mit einander gespielt und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!«
Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, den Thermometer noch immer in der Hand haltend – er zeigte schon auf 30 Grad Réaumur –, vor dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit – lieber Gott, sie lag ja noch nicht einmal so übermäßig fern – und sie wußte auch recht gut, daß gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefährte gewesen und sich ihrer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals – sich erst aus ziemlich ärmlichen Verhältnissen wacker emporarbeitend – noch kein so großes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr näher; jetzt war sie in andere Kreise eingeführt und schon seit Jahren nicht mehr mit ihnen, außer einem flüchtigen Gruß, zusammengetroffen. Eigentlich gehörte es sich auch gar nicht, daß sie der junge Handwerker jetzt daran erinnerte, denn er mußte dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit ihrer Kinderjahre lag doch längst hinter Beiden.
Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen fröhlichen, glücklichen Stunden zurückführte, und er im Geist noch das kleine hübsche Mädchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust gerötheten Wangen jetzt in der aufgeblühten Jungfrau wiedersah.