»Damals war es doch eine herrliche Zeit,« fuhr er endlich leise fort, »und das einzige Böse nur bei der Sache, daß Kinder eigentlich nie wissen, wie glücklich, wie namenlos glücklich sie sind; sie könnten es freilich sonst auch gar nicht ertragen.«

»Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her,« sagte Ottilie, die doch wohl fühlte, daß sie etwas darauf erwiedern müsse; »ich glaube, ich war damals ein recht wildes Mädchen.«

»Ich sehe Sie noch vor mir,« nickte Baumann, »als Sie an jenem Morgen, wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder überschwemmt hatte, in den Kahn gestiegen waren und, als dieser sich losriß, draußen auf dem Wasser mit der Strömung forttrieben.«

»Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.«

»Gefahr war nicht dabei,« schüttelte Fritz Baumann mit dem Kopf, »denn Sie hätten doch an den Damm antreiben müssen; aber ich freue mich noch darüber, daß Sie damals gar nicht weinten oder um Hülfe riefen, sondern nur ruhig und trotzig im Boot standen.«

»Es war so ungezogen...«

»Wir sind Beide älter geworden,« setzte der junge Mann nach einer Weile hinzu – »unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere Zeit getrennt. Sie zogen in ein großes, schönes Haus und wuchsen zur Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mußte etwas Tüchtiges lernen, um mir einmal mein Brot zu verdienen und einen Hausstand zu gründen. Ich weiß nicht, Fräulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu erfahren, daß ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstück habe ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht allein sehr günstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf die Londoner Ausstellung und bekam dafür die goldene Medaille. Ich bin jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit bewältigen kann, in nächster Zeit etabliren.«

Ottilie schwieg und horchte nach der Thür; es war ihr, als ob sie draußen wieder fremde Stimmen gehört hätte – Lieutenant von Wendelsheim war viel zu aufmerksam, als daß er den schuldigen Morgenbesuch hätte versäumen sollen – wenn ihn wirklich sonst nichts hieher trieb, als eben nur die kalte Artigkeit.

»Das freut mich in der That,« sagte sie und erglühte dabei wie eine Rose, denn draußen unterschied sie jetzt deutlich die Stimme des Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt.

»Wie gut Sie sind, Fräulein,« sagte Fritz, der das augenscheinliche Erröthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, »noch immer wie früher. Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die sie früher gemacht...«