Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte's Familie, und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. »Entschuldigen Sie, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, »daß ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.«
»Ich habe Sie rufen lassen?«
»Ich war's, Papa,« lachte Ottilie; »Herr Heßberger sollte mir ein Paar starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng gemacht hat, wollte ich gern, daß er noch einmal Maß nähme.«
»Mit Plesir, mein Fräulein,« sagte Meister Heßberger, indem er in die Tasche griff und sein hölzernes Maß herausholte: »wenn Sie sich nur gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.«
»Aber nicht wieder über den Spann so eng, Meister,« sagte das junge Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt: »die letzten Schuhe haben mir hierherüber wirklich Streifen gedrückt.«
»Soll nicht wieder vorfallen, meine Gnädigste, soll gewiß nicht wieder vorfallen,« versicherte Heßberger. »Also dicke Schuhe wollen Sie haben. Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?«
»Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttapercha-Sohlen lösen sich ab.«
»Können sie nicht – können sie bosetief nicht; denn sie werden an den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen darf.«
»Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder,« sagte die Frau Staatsanwalt, »als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte es doch länger halten, als die Sohlen.«
»Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht,« sagte Heßberger; »denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht zerreißen können.«