»Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagte Wendelsheim achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche, ja nur über das jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein, nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft wird das doch versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös, gewöhnlich nur komisch aus.«
»Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.«
»Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein; das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.«
»Vielleicht haben Sie sogar recht.«
»Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!«
»Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem Finger.
»Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.«
»Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein Scherz, aber Sie wissen....«
Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin, nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen, war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit zurück.