Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten. Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden.

Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre.

Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen. War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen.

Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das, mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht, mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben nicht ruhen und nicht rasten ließ. – Den Staatsanwalt Witte, einen scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar dafür sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte, nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.

Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß, selber der Sache auf den Grund zu gehen.

Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren besondern Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft gemachten Personen wieder aufzufinden.

Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit, und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber, der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt von einer »neuen Spur« gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem ersehnten Ziel führen konnte.

Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien, auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der Sache ruhig ihren Lauf ließ?

Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause entfernt, und zu jeder andern Zeit würde der Major die Zumuthung, einen solchen Weg bei seiner Körperschwäche zu Fuß zurückzulegen, mit Entrüstung und einem entsetzlichen Stöhnen abgewiesen haben. Heute dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte die alte Frau von Bleßheim auf's äußerste in Erstaunen, ihn, statt hülflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskämmte und an der Cravatte zupfte. Er ließ auch alle Einreden wegen noch zu früher Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock, setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rüstig, wenn auch ein wenig knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mußte er sich dabei gestehen, daß ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich auch dieser Zeuge nicht bewährte oder doch weiter nichts aufbringen konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerüchte; aber er verlor deshalb den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzählte, ein alter Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurückschrecken dürfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto hartnäckiger hieß es ihnen zu Leibe rücken.

Der Weg war übrigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden, in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschränkte Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt, aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.