Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung, residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat, die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide,« das heißt, alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging, auch daheim.

»Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

»Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist, hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.«

»Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem Garten? Wie alt sind Sie?«

»Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein,« meinte der Alte; »ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden. Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?«

»Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?«

»Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden, Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig erwartete, was der Herr von ihm wolle.

Der Major ließ ihn nicht lange in Zweifel. Er räusperte sich allerdings erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte. Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne, und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur immer mehr bestärkten.

Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven, da schüttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich schwieg, sagte er:

»Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezählt haben: die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls. Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon wissen, ist nichts.«