»Hm« – Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit, weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mußte. Wäre es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben lassen. Frauen hielten nur zu gewöhnlich eine Menge von Dingen für wichtig, die an sich unbedeutend genug waren – nun, er konnte wenigstens hören, was sie wollte.

Für solche Fälle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte er gewöhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bücher-Regalen mit wenig gebrauchten Büchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Stühle standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, daß kein darin gesprochenes Wort durch die Wände drang.

Witte stand auf und öffnete die Thür der Schreibstube. »Ich will jetzt nicht gestört werden,« sagte er hinaus; »wenn Jemand in der Zwischenzeit kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.«

»Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.«

»So, Frau Baumann,« sagte dann Witte, indem er die Thür wieder schloß, »haben Sie jetzt die Güte und kommen Sie hier mit herein. Da drinnen hört Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und machen Sie es so kurz als möglich, denn meine Zeit ist gemessen, und wenn die Sache nicht wirklich sehr wichtig ist, thäten Sie mir sogar einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkämen.«

»Es hängt Leben und Tod daran,« sagte die Frau ernst.

»Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor – bitte, treten Sie näher, und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen haben. Sie zittern ja an allen Gliedern – ist etwas vorgefallen?«

»Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau, indem sie auf den nächsten Stuhl niedersank – »nur um meine Gedanken zusammenzubringen – es geht dann auch um so viel schneller. Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.«

Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mußte. Er wollte aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle, und beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen könne. Endlich sagte sie:

»Es hilft doch nichts – es ist doch Alles vorbei und ich kann's nicht mehr ändern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen. Erfahren müssen Sie's doch, und der liebe Gott mag's mir vergeben.«