»Eben so wenig; sie würde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr eigenes Kind haben nehmen lassen.«
»Dann muß ich Ihnen aber gestehen, daß ich Ihre ganze Angabe nicht begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen Sie mir, wie es dann irgend möglich ist, einen derartigen Tausch – denn darauf hin läuft doch das Ganze hinaus – vorzunehmen?«
»Und doch ist es wahr,« nickte ruhig die Frau. »Wenn Sie mich aber geduldig anhören wollen, so werde ich Ihnen Alles erklären – Alles – und dann – möchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die mich betreffen muß.«
»Ich bin wirklich begierig,« sagte Witte, »denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht begreife.«
»Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nächsten Tagen fällig sein muß,« sagte die Frau.
»Darüber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwünschten Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschäftigt, daß ich den Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten kenne.«
»Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers Heßberger Frau, sagte, hatte Angst, daß ihm kein Knabe, sondern ein Mädchen geboren würde, wonach die Erbschaft für ihn verloren gewesen wäre, und meine Schwester ist eine kluge, aber – Gott vergebe es ihr! – eine böse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wußte Rath. Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war täglich um mich. Es ging uns noch knapp – wir mußten uns mühsam durchhelfen, um nur das tägliche Brot zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der damals erst anfing selbstständig zu werden; es reichte hier und da nicht aus, und ich sah für das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wußte, was Baumann für ein geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder andere Vergünstigung die Arbeit bekamen, die er hätte eben so billig, und viel, viel besser und tüchtiger liefern können. Das fraß mir in's Herz – aber das nicht allein, auch eine Sünde, die sich meiner bemächtigt hatte: ich war eitel – ich ärgerte mich, wenn andere Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der böse Feind gewann seine Macht über mich.«
Witte hatte ihr aufmerksam zugehört, und hütete sich wohl, sie auch nur mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm saß, sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen.
»Meine Schwester,« fuhr die Frau nach einer Pause fort, in der sie still vor sich niedergestarrt hatte, »kannte alle meine schwachen Seiten. Sie versicherte mir, daß ich einen Knaben bekommen würde, und der Knabe würde in Lumpen und Jammer groß und sein ganzes Leben geknechtet und herumgestoßen werden; denn was haben die Armen für Rechte auf der Welt! Aber in meinen Händen läge es, den Knaben, das Kind, für das ich mich schon sorgte und ängstigte, ehe es nur athmete, groß und vornehm zu machen und ihm Alles zuzuwenden, nach dem die Menschen hier auf Erden mit allen Kräften streben und es zu erreichen suchen: Rang und Reichthum. Kurz, sie schlug mir vor, den Knaben, wenn es ein Knabe würde, dem Baron von Wendelsheim zu überlassen, der ihn zu seinem Sohn und Erben heranziehen wollte, während ich dagegen sein eigenes Kind, wenn es ein Mädchen wäre, wie mein eigenes pflegen und warten, aber ihm nie im Leben verrathen sollte, wer seine wirklichen Eltern wären.
»Lange sträubte ich mich dagegen,« sagte die Frau mit einem tiefen Seufzer. »Der Gedanke war mir zu furchtbar, mein Kind, mein eigenes Kind herzugeben, um es von fremden Eltern erziehen und pflegen zu lassen. Aber der Hochmuthsteufel, der seinen Sitz in meinem Herzen aufgeschlagen, arbeitete auch in mir und ließ nicht Ruhe. Er malte mir vor, welch ein vornehmer, von allen Leuten geachteter Herr mein Knabe werden könnte, für den ich jetzt nur Noth und Armuth vor Augen sah, und – von dem Teufel geblendet, willigte ich endlich ein. Das Geld, was mir die Heßberger noch außerdem versprach, hatte keinen Werth für mich, reizte mich wenigstens nicht, oder machte mir die Sache leichter; nur mein Kind wollte ich groß und vornehm wissen, und stolz auf es sein können, und mich an ihm freuen, und das andere dafür pflegen und groß ziehen mit meinen besten Kräften – Du großer Gott, ich war selber noch jung und leichtsinnig, und hatte ja keine Ahnung, welche furchtbaren Folgen das in der Zukunft haben könnte!«