»Und dann?« fragte Witte, denn das Alles betraf nur Verabredungen und Vorsätze und hatte nicht den geringsten Werth für ihn.

»Dann,« fuhr die Frau fort, »dann schenkte mir Gott einen Knaben, ein liebes, herziges, gesundes Kind, und ich herzte und küßte ihn, und hatte alle meine Pläne und Hoffnungen vergessen, denn ich dachte es mir nicht mehr möglich, daß ich ihn je wieder freiwillig hergeben und aus meinen Armen lassen könnte. Unglücklicherweise traf es sich aber gerade damals, daß mein Mann verreisen mußte. Er hatte auf dem Gut in Vollmers ein eisernes Gitter aufzustellen.«

»In Vollmers?«

»Ja – wozu er drei oder vier Tage brauchte und auch dort natürlich übernachtete, um am nächsten Morgen gleich wieder mit Tagesgrauen anfangen zu können.«

»Und Ihr Mann wußte von der ganzen Verabredung nichts? Sie hatten nie mit ihm darüber gesprochen, ihn nie um seinen Rath gefragt?«

»Nie. Ich hätte es nicht gewagt, denn er wäre schon bei dem bloßen Gedanken außer sich gerathen, und kannte auch die Menschen besser als ich. Er mochte meinen Schwager nicht leiden, den er für einen Heuchler hielt, und verdachte mir sogar den Umgang mit der Schwester, obgleich er zu gut war, ihn mir ganz zu verbieten – o, wäre ich ihm gefolgt!«

»Und wie wurde es weiter?« fragte der Staatsanwalt, um sie von dieser Abschweifung zurückzubringen.

»An demselben Abend,« erzählte die Frau – »es wurde eben Dämmerung und ich war mit meinem Kind allein –, kam plötzlich meine Schwester zu mir. Sie trug einen weiten, dunkeln Mantel und war in großer Eile. Sie sagte mir, daß die Baronin von Wendelsheim draußen ein Mädchen geboren habe und das sie hinausgerufen wäre, um ihr beizustehen, und jetzt sei der Moment, um das Glück zu ergreifen und festzuhalten. Ich bat und beschwor sie, von ihrem Plan abzustehen; ich sagte ihr, daß ich mich von dem herzigen Knaben nicht trennen könne, daß ich sterben würde. Sie lachte darüber und meinte, mein Knabe solle ein großer und vornehmer Herr werden, und um das zu erreichen, brauche ich nichts zu thun, als viel Geld zu nehmen und still zu sein. Eine Entdeckung war auch nicht zu fürchten; sie allein hatte mir in meinen Nöthen beigestanden und Niemanden weiter dazu gerufen, mein Mann wußte noch nicht einmal, daß uns ein Kind geschenkt sei, und sollte es erst bei seiner Rückkehr erfahren. Sie ließ mir auch gar keine Zeit zum Ueberlegen, und schwach und erschöpft, wie ich mich fühlte, konnte ich ihr nicht einmal Widerstand leisten. Ich weinte und bat nur; aber sie fragte mich, ob ich nicht glaube, daß sie, als meine Schwester, es gut mit mir und dem Kinde meine und mir zu etwas rathen würde, was nicht zu unserem Besten wäre. Dann nahm sie das Kind, schloß die Thür von außen, daß Niemand zu mir konnte, und kam nicht wieder.

»Welche furchtbare Zeit habe ich an dem Abend verlebt!« fuhr sie endlich nach einer Pause fort, während ihr der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand und der Staatsanwalt noch immer mit dem Kopf schüttelte, denn er sah keinen Faden durch das Ganze. Wo war das Mädchen geblieben, daß die Baronin geboren haben sollte? – »Welche furchtbare, entsetzliche Zeit!« fuhr die Frau fort. »Ich könnte keine Worte finden, und wenn ich Jahre danach suchte. Stunde nach Stunde verging, und ich weinte nach meinem Kind, während draußen der Sturm die großen Tropfen gegen das Fenster peitschte und der Wind durch den Schornstein heulte. Wie lange ich so gelegen, weiß ich auch nicht: ich muß ohnmächtig geworden und wieder zu mir gekommen sein, ohne daß mir Jemand beistand. Da hörte ich plötzlich einen Schlüssel im Schloß herumdrehen, und nicht meine Schwester, aber mein Schwager trat zu mir herein. Sein Mantel troff von Wasser, aber zitternd, vor Freude zitternd, streckte ich die Arme nach ihm aus, denn ich hörte ein Kind darunter wimmern.

»Mein Kind, mein Kind! rief ich ihm entgegen. O Schwager, bringt Ihr mir mein Kind zurück!«