»Da habt Ihr's,« sagte der Mann mit einem lästerlichen Fluch. »Ist das ein Wetter, um einen Menschen darin hinaus zu jagen? Es war nichts – die Frau Baronin hat selber einen Knaben geboren – da habt Ihr das Eurige wieder, wir können's nicht gebrauchen.«
»Mit Jubel griff ich es und drückte es in meine Arme; aber ich wollte es auch sehen. Es war dunkel im Zimmer, dunkle Nacht. Neben meinem Bett stand ein Feuerzeug; ich machte Licht und entzündete die Lampe. Heßberger blieb neben meinem Bett stehen und hob mein liebes, liebes, schon verloren gegebenes Kind gegen das Licht; aber ein furchtbarer Schmerz zuckte mir durch die Brust.
»Das ist es ja nicht! schrie ich, von Angst und Schrecken erfüllt. Das ist es ja nicht! O, glaubt Ihr, daß ich mein Kind nicht wiederkennen würde?
»Da wurde er ängstlich und bat mich, nicht so zu schreien, die Wände wären dünn, und die Nachbarn könnten am Ende die Worte verstehen. Seine Frau würde am nächsten Morgen selber herüberkommen und mir Alles erklären; nur bis dahin solle ich ruhig sein und das arme Würmchen pflegen, das ohnedies schon halb erstarrt vor Kälte wäre. Und Gott sei es geklagt, er hatte recht! Der Mantel war in dem furchtbaren Wetter naß geworden; das arme, neugeborene Kind hatte kaum noch Leben in sich, als er es zu mir in's Bett legte, und ich konnte ihm ja nicht böse sein. Ich küßt' es und herzt' es, als ob es mein eigenes wäre, und nie die langen, langen Jahre hindurch durfte es sich beklagen, daß ihm eine Mutter gefehlt hätte.«
»Aber, beste Frau Baumann,« sagte der Staatsanwalt, der sie ruhig hatte ausreden lassen, jedoch die Hauptsache noch immer vermißte, obschon ein dunkler Verdacht über das Geschehene in ihm aufstieg – »ich verstehe das noch immer nicht; denn wenn die Frau Baronin wirklich einen Knaben und kein Mädchen....«
»Hören Sie nur weiter,« sagte die Frau, »ich bin gleich zu Ende. Am nächsten Morgen kam meine Schwester zu mir und wollte mir ebenfalls einreden, das sei mein Kind, was ich in den Armen halte; aber sie konnte das Mutterauge nicht täuschen, und wie sie denn endlich einsah, daß all' ihr Reden nichts half, da lenkte sie ein und meinte, sie habe mich das nur glauben machen wollen, damit ich mich um so leichter beruhigen solle. Aber jetzt mußte Sie mir die ganze Geschichte erzählen, oder ich drohte ihr, es meinem Mann zu sagen, und den fürchtete sie; so erfuhr ich denn Alles. Der Baron hatte mit ihr vorher heimlich abgemacht, das Kind, wenn es ein Mädchen sein sollte, gleich nach der Geburt gegen einen Knaben einzutauschen, und ihr dafür nicht allein reichen Lohn für sich, sondern auch für die Mutter des andern Kindes versprochen. Alle Vorbereitungen waren dazu auch getroffen gewesen, und meine Schwester hatte es so einzurichten gewußt, daß sie oben in der Wohnstube nur eine Person um sich hatte, auf die sie sich fest und sicher verlassen konnte.«
»Wer war das?« fragte Witte, mit einer Idee an die Madame Müller.
»Sie ist lange todt,« sagte die Frau; »eine arme Verwandte von uns, die bei Heßberger im Hause wohnte oder dort vielmehr diente. Sie zog aber fort von hier nach Amerika, und wie meine Schwester mir später erzählte, ist sie dort am gelben Fieber gestorben.«
»Und die war mit oben im Schlosse?«
»Ja; meine Schwester hatte auch im Schlosse, wie sie mir gestand, sehr leichte Arbeit, denn weniger der Baron als des Barons Schwester, das gnädige Fräulein von Wendelsheim selber, schien die Verabredung mit ihr getroffen zu haben und unterstützte sie so vollständig in der Ausführung, daß sie völlig freie Hand behielt. Mein Schwager Heßberger wartete mit meinem Knaben in einem kleinen Gartenhäuschen, in dem ein Ofen stand und das ordentlich erwärmt war, weil man ja doch die Zeit nicht genau bestimmen konnte, und die Frau Baronin bekam ihr eigenes Kind gar nicht zu sehen. Meine Schwester erschrak wohl, als sie sah, daß es auch ein Knabe sei; aber der Gewinn, den sie durch den Tausch erwartete, blendete sie – kein Mensch im Schlosse, weder der Baron, noch das gnädige Fräulein erfuhren je, daß ihnen ein Erbe geschenkt worden. Meine Schwester trug das Neugeborene gleich fort, und als sie mit meinem Kinde zurückkam, legten sie den Knaben der Frau Baronin in's Bett, die ihn dann herzte und küßte und Freudenthränen über ihr Glück vergoß.